Andreas Berger: »Schluß mit den Idyllen« (Leseprobe)
Als Ahnen seines Erzählens hat Thomas Mann stets Fontane, Reuter und Storm, aber auffälligerweise nie Raabe genannt. Der Name kommt nur zweimal in bezug auf andere, einmal ablehnend in bezug auf die »Buddenbrooks« vor in seinen so zahlreichen Selbstäußerungen. Bei jemandem, der sonst so bewußt in Spuren ging und Spuren legte, läßt sich daher der Verdacht nicht von der Hand weisen, daß er vielleicht die Spur verwischen wollte.
Denn auffällig ähnlich ist die Anlage seines »Doktor Faustus« mit den »Akten des Vogelsangs«, ja der von ihm gewählte Erzähler Serenus Zeitblom wirkt geradezu wie eine Fortsetzung von Karl Krumhardt zu späterer Zeit. Auch Zeitblom erzählt als Beteiligter und Dokumentensammler (M439), auch er muß zuweilen explizit rechtfertigen, daß er Dinge wiedergibt, die er nicht selbst leibhaftig miterlebt hat. So wenn er das Gespräch schildert, in dem Adrian seinen Geliebten Rudolf Schwerdtfeger bittet, für ihn um die Hand einer Frau anzuhalten. »Was ... sich abspielte, und wie es sich abspielte – ich weiß es, und möge man zehnmal den Einwand erheben, ich könnte es nicht wissen, da ich nicht ›dabeigewesen‹ sei. Nein, ich war nicht dabei. Aber heute ist seelische Tatsache, daß ich dabei gewesen bin, denn wer eine Geschichte erlebt und wieder durchlebt hat, wie ich diese hier, den macht seine furchtbare Intimität mit ihr zum Augen- und Ohrenzeugen auch ihrer verborgenen Phasen« (M576). So kokett darf ein Erzähler des 20. Jahrhunderts mit seiner Position umgehen!
So und anders, in Erinnertem, Zitiertem, Nachempfundenem erzählt also Zeitblom das Leben eines Freundes, den er bewundert und liebt ganz wie Karl Krumhardt seinen Velten Andres, ja der seinem »eigenen Leben, in Liebe, Spannung, Schrecken und Stolz, seinen wesentlichen Inhalt gegeben hat« (M675). Auch ihm geschehen Heirat, Familiengründung und berufliche Karriere quasi nebenbei und in Erfüllung eines traditionellen Lebensplans, an den er zwar kaum mehr glaubt, für den er aber auch keine Alternative sieht. Auch Zeitbloms Frau ist eine treue, schlichte Seele, die Herz und Verstand auf dem rechten Fleck hat, aber auch nicht gar so viel davon, daß es Lebensgemütlichkeit und Männerfreundschaft störte. Immerhin bärmelt Frau Zeitblom weniger als Frau Krumhardt, kommt aber auch noch seltener zu Wort. Die Söhne nun sind Zeitblom gänzlich entfremdet, nicht zuletzt aus politischen Gründen (M600)
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aus:
Andreas Berger
»Schluß mit den Idyllen
Parallelen des Untergangs in Wilhelm Raabes ›Akten des Vogelsangs‹ und Thomas Manns ›Doktor Faustus‹«
52 Seiten - Preis 5,95 €
ISBN 978-3-86672-032-9
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