Wolfgang Dahms: »Der Betrogene«
Wolfgang Dahms
»Der Betrogene«
Roman
224 Seiten - Preis 14,00 €
ISBN 978-3-86672-041-1
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Bei Hollywoodfilmen ist üblich, dass sie vorab einem ausgesuchten Publikum gezeigt werden, um in letzter Minute einzelne Passagen, sogar den Schluss zu ändern. So habe ich kurz vor der Drucklegung des »Betrogenen« das Manuskript außer Ihnen einem Juristen, einer befreundeten Lektorin gegeben. Auch einem Bekannten, dessen Beruf es ist, in Not geratenen Mitbürgern zu helfen. Von Ihnen habe ich die längste Mail erhalten.
Sie nennen Stephan Bruck einen Antihelden. Kein Zweifel, er hat seine Schwächen. Er schätzt Essen und Trinken, ist verführbar durch weibliche Reize, muss Abweisung und Misserfolge hinnehmen. Und auf der Karriereleiter hat er mal gerade eine der unteren Sprossen erreicht. Ja, ihn reibt und kratzt unsere Ellbogengemeinschaft, die nicht er, die ihn gewählt hat. Sind aber Ehrlichkeit und Pflichtgefühl, die Unbeirrtheit im Durchstehen eines Konflikts schon Auslaufmodelle? Damit beweisen Sie mir geradezu, wie wichtig mein Buch in einem Land ist, in dem zuerst nach dem sichtbaren Erfolg gefragt wird, nicht nach den Mitteln und dem Preis!
Warum ich so oft die indirekte Rede wählte, ist schnell erklärt. In der »Vermessung der Welt« wendet Daniel Kehlmann diesen Trick nicht nur an, um ein uns Heutigen befremdendes Deutsch zu vermeiden, sondern auch spanische oder französische Dialoge zu umgehen. Stephan, im Osten unserer Heimat aufgewachsen, hat sein Schulrussisch reaktiviert. Also packte ich sein Radebrechen, die Gespräche mit Natalja in die nichtwörtliche Rede. Wie auch den Geburtstagstoast Opa Lindes, das Telefonat mit Grigorij.
Danke für den Hinweis. Aus »Schuhanzieher« habe ich »Schuhlöffel« gemacht, wie man in Süddeutschland sagt. Aber ich sträube mich, Stephans Geburtstagsversprecher noch eindringlicher zu erklären. Indem der Angetrunkene Veronika den Vatersnamen Grigorijs gibt, rührt er an ein offenes Geheimnis: Obwohl das Ergebnis einer außerehelichen Beziehung, trägt sie den Vatersnamen von Nataljas geschiedenem Mann. Ich vertraue dem Leser, dass er das herauskriegt, selbst wenn er bis dahin nichts von einem Vatersnamen gehört hat. Bedeutungsvoller scheint mir, dass für Stephan trotz seiner Ahnung unwichtig gewesen ist, darüber mit seiner Künftigen oder Angetrauten zu reden.
Im letzten Kapitel habe ich Ihren Rat befolgt und mit zwei, drei Sätzen eingeschoben, dass das Damoklesschwert von Stephan genommen ist, es könne der Adoptionsantrag für Veronika bewilligt werden. Mich erstaunt nur, dass Sie für einen regelrecht literarischen Fehlgriff halten, wenn Stephan zum Schluss die Rostower Telefonnummer eintippt. Was darf ein Autor sagen, was muss er verschweigen?
Verdient Natalja nicht ein bisschen Mitgefühl? Sollte man ihre Handlungsweise nicht wenigstens verstehen? Oder vergaß ich, dass auch Leser(innen) nicht frei sind von Vorurteilen? Ist denn Nataljas Sicherheitsbedürfnis verwerflich? Schließlich fühlt sie auch Verantwortung für die Zukunft ihrer Jüngsten.
Was meinem Protagonisten in der Arbeitswelt geschieht, der Leser ist Zeuge und weiß, wann wer lügt oder die Wahrheit spricht. Tun Sie nicht dasselbe, was der Richter mit seinem Urteilsspruch bewirken wird? Könnte nicht alles ganz anders gewesen sein? Zweimal sagt die Einzige, die es wissen muss, dass sie frei sei für eine neue Beziehung. Stephan aber glaubt Grigorij, hält sich an das Ja Paul Lindes und müht sich mit der Scheidung um – vor allem finanzielle – Schadensbegrenzung für sich selbst. Was aber dem Leser schon früher klar ist, begreift Stephan erst am Ende: Wie ihm Unrecht widerfuhr, kaum anders hat er an Natalja gehandelt.
Dass Sie das Manuskript in nur drei Tagen gelesen haben, hat mich am meisten gefreut. Leider, leider werden Sie recht behalten und Themen dieser Art noch lange Zeit aktuell bleiben.
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