Eckart Haase: Die wurzeln der Lichtarbeit

1. klassische Wurzeln

Wie bei so vielen Formen der Esoterik ist es auch bei der Lichtarbeit nicht so ganz einfach, ihr erstes Auftreten zeitlich exakt zu bestimmen. Der Begriff Lichtarbeit als solcher ist relativ modern. Wir finden ihn erst seit dem 20. Jahrhundert in unserem Sprachgebrauch, zumindest in seiner esoterischen Wortbedeutung. Die Tätigkeit der Lichtarbeit, also ihr eigentlicher Gegenstand ist weit älter. Das „mit Licht arbeiten“ gab es also schon vorher, wenn es auch damals noch nicht Lichtarbeit genannt wurde. Und ihre geistig-philosophischen Ursprünge sind viele Jahrhunderte alt. Ich habe bei meinen Recherchen im Wesentlichen zwei Ursprünge entdeckt, die die heutige Lichtarbeit maßgeblich geprägt haben und auch heute noch prägen. Ich unterscheide diese beiden Wurzeln einerseits in den antik/klassischen und andererseits den modernen Ursprung.
Der klassische Ursprung der Lichtarbeit liegt in der Zeit der Gnosis (dt. Erkenntnis). Diese trat erstmals gegen Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus in Erscheinung. Streng wissenschaftlich hat auch sie noch ältere Ursprünge, bis hinein in die Zeit der griechischen Philosophie. Aber aus christlicher Sicht ist sie erst bedeutungsvoll seit sie sich nach der Ausbreitung des christlichen Glaubens zum Teil mit diesem vermengte und als Irrlehre enttarnt werden musste. Nach Jesu Wirken, Tod und Auferstehung verbreitete sich das Evangelium wie ein Lauffeuer in den vielen neu gegründeten Gemeinden. Zunächst nur im asiatischen, später dann auch im europäischen Raum. Maßgeblich daran beteiligt war der Apostel Paulus, der auf seinen Missionsreisen die gute Nachricht von der Erlösung durch den Glauben an Christus weitertrug und dabei insbesondere die Heiden (im Sinne von Nichtjuden) erreichte.
Die damalige Welt war sehr griechisch-hellenistisch geprägt. Zwar hatten schon längst die Römer die militärische Hoheit inne, aber philosophisch hatte Rom wenig zu bieten. Ganz im Gegensatz zu den Griechen, die geradezu stolz auf ihre philosophischen Schulen waren und sich für besonders weise hielten. Sie hatten bereits eine sehr umfassende und gefestigte Weltanschauung, in die nun Paulus mit dem Evangelium stieß. Bekannt ist in diesem Zusammenhang ja die Rede des Paulus auf dem Athener Areopag, in der er den Griechen von Jesus Christus berichtet (Apostelgeschichte 17). Auch bei den Griechen glaubten viele an das Erscheinen eines göttlichen Erlösers. Und genau dieser Gedanke der Erlösung ist auch ein wichtiger Pfeiler der Gnosis. Als nun die christliche Botschaft in den griechischen Raum kam, vermengten einige die Philosophie der Gnosis mit dem christlichen Glauben. Aus dem Erlöser der Gnosis wurde für sie Jesus Christus. Das musste den Widerstand der Christen hervorrufen, da die gnostische Lehre als solche mit dem christlichen Glauben unvereinbar war. Im Neuen Testament finden sich daher bereits Bezüge zur Gnosis. Der Apostel Paulus warnt seinen Reisegefährten Timotheus sehr deutlich: „O Timotheus, bewahre das anvertraute Gut, indem du die unheiligen leeren Reden und Einwände der fälschlich so genannten Erkenntnis (orig. Gnosis) meidest.“ (1 Timotheus 6,20).
Die Gnosis war sehr Leibes- und Materiefeindlich. Sie betrachtete das materiell Geschaffene als etwas unnatürliches, ja sogar Böses. Das Wesentliche im Menschen sei ein Lichtfunke, den es wieder zu entdecken gelte. Dieser Lichtfunke sei aufgrund eines dramatischen kosmischen Ereignisses in die Materie verbannt worden. Dieser Zustand sei zu überwinden, um wieder in den wahren Ursprung des Menschen, nämlich in geistiger Form zurückzukehren. Wer dies erreiche, sei wieder mit dem Göttlichen verbunden.
Hier sehen wir bereits erste Parallelen zur Lichtarbeit. Auch Lichtarbeiter vertreten die Ansicht, dass unsere wahre Natur geistig sei. Sie glauben, dass der Mensch mit der Zeit seine hohen Schwingungen immer mehr verlangsamt habe, bis er in der grobstofflichen Atmosphäre angekommen sei, bzw. diese sogar erst durch den Abfall von den hohen Schwingungen entstanden sei. Ich selbst habe diese These vertreten und fest an sie geglaubt. Ich hatte auch eine eher problematische Einstellung zu allem Materiellen. Über Jahre war meine Aufmerksamkeit vor allem auf das Geistige gelenkt. Manchmal, wenn ich durch die Straßen Berlins ging, fragte ich mich: „Wann wird wohl all dies Materielle vergehen? Die Häuser, die Straßen, wir Menschen, einfach alles?“ Ich war fest davon überzeugt, dass das ganze Materielle nur eine Illusion sei, die vergehen werde, wenn die Erde nur insgesamt in eine höhere Schwingungsstufe eintreten würde. Auch ich wollte diesen Lichtfunken in mir reaktivieren, um das ganze Drama hier zu beenden. Auch wollte ich dieses Licht an andere Menschen schicken, um ihnen zu helfen, ebenfalls ihr wahres göttliches Ich zu erkennen. Ich sah dies als meine Aufgabe als Lichtarbeiter an. Aber auf diese konkreten Punkte werde ich später noch ausführlicher zu sprechen kommen.

Zurück zur Gnosis. Ich sprach bereits an, dass auch die Erlösung einen breiten Raum innerhalb der gnostischen Lehre einnimmt. Doch erlöst von was? Und wie genau wird man erlöst? Gnostiker sind der Ansicht, dass die geschaffene Welt grundsätzlich böse und schlecht ist und es für jeden Menschen darum geht, in die geistige Welt aufzusteigen. Doch die meisten Menschen seien sich ihrer geistigen Existenz gar nicht bewusst. Das würde sie am Aufstieg hindern. Deswegen müssten sie erst die Erleuchtung der Gnosis empfangen. Hierbei würde ihnen ein hinabgestiegener Meister helfen, der unerkannt von den dunklen Mächten auf die Erde kommen würde, um den Menschen beim Aufstieg zu helfen.
Erlösung nun bedeutet in der Gnosis nichts anderes, als sich seiner geistigen Existenz bewusst zu werden. Erst wer „aufwacht“, kann aufsteigen. Erst wer den Lichtfunken in sich entdeckt und aktiviert hat, ist überhaupt imstande, dem materiellen Gefängnis zu entfliehen. Oft wurde der hinabgestiegene Meister der Gnosis von den Vertretern dieser Richtung mit Jesus Christus gleichgesetzt. Jesus wäre nach dieser Lehre derjenige, der den Menschen dabei helfen würde, die Erleuchtung zu erlangen. In diesem Moment wären sie erlöst. Auch für die Leser, die der Bibel nicht so kundig sind, ist leicht zu sehen, dass dieses Gedankengut allem entgegensteht, für das Jesus Christus wirklich in diese Welt gekommen ist. Erlösung bedeutet nämlich Erlösung vom sündigen Zustand eines Menschen. Jesus Christus ist gekommen, um die Schuld der Menschen zu tragen. Und nicht der ist erlöst, der den Lichtfunken in sich entdeckt, sondern derjenige, der Buße tut und zum Glauben an Jesus Christus kommt. Für Gnostiker ist es völlig unbedeutend, dass Christus am Kreuz gestorben ist. Für sie ist dies nur ein unbedeutendes Detail. Jesus hätte ihrer Überzeugung nach genauso in einem Bett an Altersschwäche sterben können. Genau dieser Punkt hatte sich im ersten Jahrhundert nach Christus in die neue korinthische Christengemeinde eingeschlichen. Der Apostel Paulus geht daher in seinem ersten Korintherbrief auf diese Irrlehren ein. Er betont ganz besonders die wichtige Bedeutung des Kreuzes: „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verlorengehen, Torheit; uns aber, die wir errettet werden, ist es Gottes Kraft“ (1 Korinther 1,18). Auch überhaupt geht es in diesem Brief sehr um Weisheit und Erkenntnis (gr. gnosis). Paulus macht klar, dass alle weltliche Weisheit in Gottes Augen Dummheit ist. Nur durch den Geist Gottes kann ein Mensch die volle Wahrheit erkennen.
Wir finden hier ganz viele Parallelen zur Lichtarbeit. Auch die Lichtarbeit geht davon aus, dass ein Aufstieg aus der materiellen in die geistige Existenz ansteht. Auch Lichtarbeiter verstehen sich als Helfer der Menschheit. Sie sind der Meinung bereits erwacht zu sein und ihre wahre geistige Existenz erkannt zu haben. Nun wollen sie als Lehrer auch anderen Menschen dabei helfen, erleuchtet zu werden. Auch gibt es eine ganze Reihe bereits aufgestiegener Meister, die nun von höheren Schwingungsebenen aus, der Menschheit beim Aufstieg helfen würden. Hier sind zu nennen Hilarion, Metatron, Seth oder St. Germain, um nur einige zu nennen. Natürlich muss man sagen, dass die Gnosis genauso wie die Lichtarbeit nicht einheitlich ist. Es gibt viele Varianten und Schulen, die sich zum Teil widersprechen. Ein völlig homogenes Lehrgebäude existiert nicht. Mit Blick auf die Gnosis veranlasste dieser Umstand den Kirchenvater Irenäus zu der Feststellung: „So viel Lehrer, so viel Erlösungen!“ (Iren. Haer. I,21,1). Meine Betrachtungen zur Gnosis beziehen sich daher auf die Ansichten, in denen weitestgehend Übereinstimmung innerhalb der unterschiedlichen Schulen besteht.
Vom Grundsatz her gibt es eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Gnosis und Lichtarbeit. Gnostiker sehen sich als Teil einer geistigen Elite an. Auf dem Gnosiskongress von Mesina (1966) wurde folgende Begriffsdefinition für die Gnosis verabschiedet: „Wissen um göttliche Geheimnisse, das einer Elite vorbehalten ist“. Ich weiß nun aus eigener Erfahrung, dass auch wir in der Lichtarbeit damals ähnlich dachten. Das zeigt den esoterischen (wörtl. nach innen gekehrt, verborgen) Charakter der Lichtarbeit. Es gingen Zahlen herum, nach denen nur 0,8% der Erdbevölkerung Lichtarbeiter seien. Das machte uns ein wenig stolz, fühlten wir uns doch auch als so eine Art geistiger Elite. Das hat zwar so direkt niemand zugegeben, doch es zeigte sich in unseren Gesprächen oft an dem Ton „herkömmlichen“ Menschen gegenüber. Wir hatten uns doch sehr oft über unsere Mitmenschen erhoben, fühlten uns aufgrund unserer hohen Schwingungen überlegen und blickten eher mitleidig bis arrogant auf die niederschwingenden Elemente. Sehr viele waren der Ansicht, dass sich „Mutter Erde“ ohnehin bald von den Menschen mit niedrigen Schwingungen reinigen werde.
Auch die Rolle von Jesus Christus in der Lichtarbeit ähnelt verblüffend den gnostischen Ansichten. Jesus wird in der Lichtarbeit durchaus als ein göttliches Wesen betrachtet, wenn auch zumeist als Inkarnation eines Christusbewusstseins oder als hinabgestiegener Meister. Doch sein Kreuzestod hat auch in der Lichtarbeit keine entscheidende Bedeutung. Vielmehr sei es die Aufgabe Jesu gewesen, die Menschen in verborgene göttliche Geheimnisse einzuweihen und ihnen beim Aufstieg zu helfen. So wundert es nicht, dass auch Lichtarbeiter oft von Jesus sprechen. Ich habe es nie erlebt, dass ein negatives Wort über ihn gefallen wäre. Genauso wenig habe ich es allerdings erlebt, dass Jesus als der bezeichnet wurde, der er ist: Der einzige Sohn des lebendigen Gottes, der für unsere Sünden am Kreuz unschuldig gestorben ist. Ich selbst hatte in meiner Zeit in der Lichtarbeit eine positive Einstellung Jesus gegenüber. Aber das mit dem Kreuz war mir relativ egal. Ich sah mich eher so als Kollege Jesu. Er und ich hätten schließlich weitestgehend denselben Job, nämlich Licht und Liebe zu verbreiten. Aber zu diesen Details mehr im Kapitel über die Praxis in der Lichtarbeit.

................................................................................................................................................................

Cover Haase Lichtarbeit

aus:
Eckart Haase
»Lichtarbeit -
Der Weg ins Dunkel.
Die neue Esoterik des 21. Jahrhunderts«


116 Seiten, Preis 10,50 €
ISBN 978-3-930730-54-4

.................................................................................................................................................................