Über Erich Kästner

Geboren: 23. Februar 1899 in Dresden
Gestorben: 29. Juli 1974 in München

 

Erich Kästner war einer der meistgelesenen Schriftsteller der Weimarer Republik. Als Lyriker beginnend, eroberte er nach und nach die anderen Genres. Dabei zeichnete er sich als Humanist und Moralist gleichermaßen aus. Um so überraschender ist es, dass die Auseinandersetzung mit Erich Kästner im deutschsprachigen Raum weitgehend fehlt. Als Kinderbuchautor genießt er zwar Anerkennung, als Autor für Erwachsene und Zeitzeuge der literarischen und politischen Turbulenzen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist er nahezu vergessen.

Geboren am 23. 2. 1899, wächst Erich Kästner in bescheidenen Verhältnissen in Dresden auf.

Sein Vater, Emil Kästner, war Sattlermeister aus dem sächsischen Döbeln. Seine Mutter Ida, geborene Augustin, war eine fleißige und intelligente junge Frau. Sie heirateten am 31. Juli 1892 in der Dorfkirche Börtewitz.

Die große Liebe war es von Anfang an nicht, eher eine Zweckgemeinschaft auf Basis gegenseitigen Respekts. Kurze Zeit später eröffnete Emil Kästner eine eigene Sattlerei. Doch Emil Kästner war kein guter Geschäftsmann; er verschuldete sich und mußte das Geschäft 1895 wieder verkaufen. So siedelte das junge Ehepaar nach Dresden um. Emil Kästner findet Arbeit in einer Kofferfabrik. Seine Frau übernimmt Heimarbeit. Die Ehe bleibt sieben Jahre lang kinderlos.

In seiner Autobiographie »Als ich ein kleiner Junge war« schreibt Kästner kaum etwas über den Vater, dafür aber um so mehr über die Mutter. Sie setzt hohe Erwartungen in den Sohn. Er soll es einmal besser haben. Dafür ist sie bereit, alles zu tun.

Beherrschend in Erich Kästners Kindheit war die Überzeugung, er dürfe seine Mutter unter keinen Umständen enttäuschen: »Da sie die vollkommene Mutter sein wollte und war, gab es für mich, die Spielkarte, keinen Zweifel: Ich mußte der vollkommene Sohn werden.« Er wird Klassenbester, er liest viel, er turnt gern, er hilft seiner Mutter im Haushalt. Sie will, daß ihr Sohn »etwas Besseres« werden soll: Lehrer.

Im Alter von 35 Jahren beschließt Ida Kästner, Friseuse zu werden, um die Voraussetzung für den Lehrerberuf ihres Sohnes zu schaffen: Lehrer werden durfte man damals nur, wenn man Klavier spielen konnte. Es müssen also ein gebrauchtes Klavier angeschafft und der Klavierunterricht bezahlt werden.

August 1914 – Kästner macht Sommerferien in Müritz an der Ostsee. Die Ferien müssen abgebrochen werden. Das deutsche Heer ist mobil gemacht worden. Der Krieg beginnt. 1917 wird der Sekundaner Kästner eingezogen zur Einjährig-Freiwilligen-Kompanie der Schweren Artillerie. Ein sadistischer Sergeant namens Waurich schindet ihn so lange, bis sich bei Kästner ein schweres Herzleiden einstellt. Als er wieder diensttauglich geschrieben wird, setzt er seine militärische Ausbildung auf dem Schießplatz Wahn bei Köln fort. Zum Fronteinsatz kommt es dann nicht mehr. Der Krieg ist vorbei.

Zurückgekehrt nach Hause, macht er seiner Mutter die Mitteilung: »Ich kann nicht Lehrer werden!« Er möchte das Abitur machen und dann studieren. Damit ist die Mutter einverstanden. Er besucht das König-Georg-Gymnasium in Dresden und macht ein sehr gutes Abitur. Dafür wird er mit dem »Goldenen Stipendium der Stadt Dresden« ausgezeichnet. Er beginnt sein Studium in Leipzig: Germanistik und Theatergeschichte. Er möchte Regisseur werden.

1920 werden drei Arbeiten von Erich Kästner in der Anthologie »Dichtungen Leipziger Studenten« veröffentlicht – die Lokalpresse hebt sie lobend hervor. Kästner beginnt seine Dissertation über Lessings »Hamburgische Dramaturgie«. Doch das Thema ist zu umfangreich. Kästner kann die Arbeit nicht beenden.

Die Inflation macht sein Stipendium wertlos. Er muß als Werkstudent arbeiten. Im Herbst 1923 sendet er eine Glosse an das Leipziger Tageblatt und wird sofort als Redakteur angestellt. So ist er zunächst einmal finanziell unabhängig, und seine Mutter wird finanziell entlastet.

Wenig später wird er zum zweiten Feuilletonredakteur und Theaterkritiker befördert. Er schreibt für verschiedene Zeitungen. Innerhalb von vier Monaten verfaßt er dann seine Dissertation mit dem Titel »Die Erwiderungen auf Friedrichs des Großen Schrift ›De la littérature allemande‹«. Danach kehrt er in die Redaktion zurück. Er verdient jetzt 400 Mark im Monat und nutzt den bescheidenen Wohlstand, um seine Mutter zu einer Reise in die Schweiz einzuladen. Doch seine Karriere als Journalist wird jäh unterbrochen: »1927 flog ich auf die Straße, weil einer rechtsstehenden Konkurrenzzeitung meine Artikel nicht gefielen und mein Herr Verlagsdirektor keine Courage hatte.« Kästner hatte ein Gedicht unter dem Titel »Abendlied des Kammervirtuosen« veröffentlicht. Es löst einen Skandal aus.

Im September 1927 beginnt Kästner als Theaterkritiker in Berlin zu arbeiten. Zusammen mit dem Zeichner Erich Ohser verfaßt er illustrierte Reportagen. Sie sitzen stundenlang in Cafés. »Wir arbeiteten wie die Teufel, lachten an der Spree wie vordem an der Pleiße und lebten wieder einmal von der Hand in den Mund.« Kästner ist sozialkritisch eingestellt; seine Haltung ist die eines liberalen Demokraten.

Neuauflage Atrium Verlag Kinderbuch

In Berlin ist Kästner sehr erfolgreich. 1928 schreibt er das Kinderbuch »Emil und die Detektive« und findet sofort einen Verlag. Kurz zuvor ist sein Gedichtband »Herz auf Taille« erschienen. Es folgen 1929 »Lärm im Spiegel«, 1930 »Ein Mann gibt Auskunft«, 1931 der Roman »Fabian« und 1932 »Gesang zwischen den Stühlen«. Kästner ist sehr produktiv. 1931 erscheinen die Kinderbücher »Pünktchen und Anton«, »Der 35. Mai«, »Arthur mit dem langen Arm« sowie »Das verhexte Telefon«. Hinzu kommen Hörspiele und Drehbücher.

1930 wird »Emil und die Detektive« verfilmt mit Theo Lingen in der Rolle des Diebes. 1931 wird Kästner in den PEN-Club gewählt. Das Ende der Weimarer Republik ist in unmittelbare Nähe gerückt. Es kommt zur Bücherverbrennung. Kästner sieht der Verbrennung seiner Bücher zu; sie werden ins Feuer geworfen mit den Worten: »Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!«

Viele Autoren emigrieren. Kästner bleibt als Zeitzeuge in Deutschland. Man rät ihm dringend zu Emigration, denn er ist als Nazi-Gegner bekannt; aber er hält es für seine Pflicht, zu bleiben. Sein Konto wird von den neuen Machthabern gesperrt, er wird verhaftet, kommt aber wieder frei. Die braunen Machthaber versuchen danach, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Das mißlingt.

Kästners Bücher werden in Deutschland verboten. Er gilt als »unerwünscht und politisch unzuverlässig« und darf in Deutschland keine neuen Bücher mehr veröffentlichen. Sein Roman »Drei Männer im Schnee« erscheint 1934 in der Schweiz. Die Kinderbücher »Das fliegende Klassenzimmer« sowie »Emil und die drei Zwillinge« gleichfalls, genau wie der Roman »Die verschwundene Miniatur«, »Doktor Kästners lyrische Hausapotheke«, der Roman »Georg und die Zwischenfälle« und »Till Eulenspiegel«. 1937 wird Kästner erneut verhaftet. Ein langes Verhör findet statt. Er wird wieder frei gelassen. 1942 macht ihm die Ufa das Angebot, das Drehbuch für einen Münchhausen-Film zu schreiben, mit Hans Albers in der Hauptrolle. Kästners Name erscheint nicht im Vorspann. Kurze Zeit später erhält Kästner ein Publikationsverbot, das für In- und Ausland gilt. Im Februar 1944 wird seine Wohnung in Berlin ausgebombt. Am 13. Februar wird seine Heimatstadt Dresden nach schweren Bombenangriffen zerstört. Er hat Angst um seine Eltern. Doch sie haben überlebt.

Kästner übersiedelt nach München. Er arbeitet bei einem neu gegründeten Kabarett mit: »Die Schaubude«. Der Krieg ist zuende. Kästner kann seine Bücher endlich wieder in Deutschland veröffentlichen. Er arbeitet wieder als Journalist. 1948 erscheint »Der tägliche Kram«. Kästner lebt jetzt im Künstlerviertel Schwabing. 1948 wird seine Komödie »Zu treuen Händen« von Gustav Gründgens aufgeführt. Am 9. Mai 1951 stirbt Erich Kästners Mutter.

1955 erscheint der Gedichtband »Die dreizehn Monate«. 1957 veröffentlicht er das Drama »Die Schule der Diktatoren«, in dem er sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzt. Das Stück wird kein Erfolg. 1961 erscheinen Kästners Tagebuchaufzeichnungen unter dem Titel »Notabene 45«. 1961 erkrankt Kästner an Tuberkulose. Er siedelt in ein Sanatorium im Tessin um, wo er bis Mai 1963 bleiben muß. 1964 erweist sich ein zweiter Sanatoriumsaufenthalt als notwendig. In dieser Zeit schreibt er das Lustspiel »Zu treuen Händen« und ein Drehbuch sowie das Kinderbuch »Der Kleine Mann«. 1967 erscheint die Fortsetzung »Der Kleine Mann und die Kleine Miß«. Nach den Sanatoriumsaufenthalten übersiedelt Kästner wieder nach München. Er stirbt an 29. Juli 1974 im Krankenaus Neuperlach und wird auf dem Friedhof München-Bogenhausen beigesetzt.

Zum Thema

  • Bibliographie
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»Ich war begeistert« - Die Autobiographie

Stefan Großmann
»Ich war begeistert«
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Stefan Großmann gehörte zu den bekanntesten Journalisten und Essayisten des frühen 20. Jahrhunderts. Großmann schildert seine Kindheit, seine Jugend und seine frühen Jahre als Publizist, Gründer der Volksbühne. Herausgekommen ist die Darstellung eines aufregenden Lebens.

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Thomas Mann und der »Simplicissimus«

Dirk Heißerer
»Das ›beste Witzblatt der Welt‹ -
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Katalog zur Ausstellung: Thomas Manns letzten Jahre

Bernd M. Kraske
»Von Qual und Glanz.
Thomas Mann - Die letzten Jahre 1945 bis 1955.
Eine Ausstellung«

100 teils farbige Abbildungen
164 Seiten - Preis 14,95 €
ISBN 978-3-930730-32-2


Die Stationen der letzten 10 Lebensjahre Thomas Manns dokumentiert die Ausstellung von »Qual und Glanz« und der sie begleitende reich bebilderte Katalog. Von der Bücherverbrennung sind die Werke Thomas Manns zwar nicht betroffen, aber da er als überzeugter Demokrat und entschiedener Gegner des Nazis-Regimes bekannt ist, kehrt er nicht nach Deutschland zurück.
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Cover Kolb
Jürgen Schwalm
»›Ich mußte es auf meine Weise sagen‹. Annette Kolb - Leben und Werk«
56 Seiten - Preis 5,95 €
ISBN 978-3-86672-019-0

Klio, die Muse der Geschichte, ist manchmal recht nachlässig, wenn sie sich um das Vermächtnis der Dichter(innen) bekümmern soll. Da, wo es den Einsatz lohnt, setzt sich der Lübecker Schriftsteller Jürgen Schwalm seit vielen Jahren oft für die Vergeßliche an den Schreibtisch.


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Planung

Der Verlag begann im Februar 2009, genau zum Eintritt ins fünfte Verlagsjahr, mit der Reihe Bibliothek Bücherverbrennung. Geplant sind ab 2011 mindestens 1 Band im Frühjahr und im Herbst. Das Frühjahrsprogramm ist abgeschlossen. In Planung sind:

1. Kurt Tucholsky: »Träumereien an preußischen Kaminen«
2. Stefan Großmann: »Ich war begeistert«
3. Jakob Wassermann: »Antisemitismus und Rassenfrage« (in Vorbereitung 1. Hj. 2011)
4. Gustav Meyring: »Des deutschen Spießers Wunderhorn«
5. Erich Mühsam: »Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat« (in Vorbereitung Februar 2011)

Für den Herbst 2011 ist unter anderem ein Buch mit Erzählungen von Berta von Suttner (u. a. »Die Waffen nieder!«) geplant.