Erich Kästner-Rezeption in Deutschland
Erich Kästner gehört seit Jahrzehnten zu den bekanntesten und beliebtesten Autoren in unserem Land. Auflagenhöhe und die Tatsache, daß beinahe alle Literaturinteressierten mit dem Namen Erich Kästner positive Leseerlebnisse verbinden, lassen darauf schließen, es hier mit einem allseits anerkannten Schriftsteller zu tun zu haben. Doch im weiteren Gespräch mit diesen »Freunden« stellt man fest, daß die Popularität nur dem Kinderbuchautor Erich Kästner gilt. Der Lyriker, der Dramatiker, Essayist und Romancier erfreut sich dieser Leserbeliebtheit hingegen nicht. Ihr sah er sich, betrachten wir den Werdegang Kästners genauer, niemals wirklich gegenüber. So schrieb Fritz Diettrich anläßlich des Erscheinens des Lyrikbandes »Lärm im Spiegel«: »Mit dem Titel ›Lärm im Spiegel‹ hat sich Erich Kästner ungewollt selber abgeurteilt. Im Kabarett sollen die Verse seiltanzen. Aus Witzblättern sollen sie herausknallen. Aber mit Dichtung hat das hundewenig zu tun, da es bestenfalls intellektueller Vorspann kommunistischer Polemik ist« (Fritz Diettrich: Lyrik 1928/29. In: »Die Literatur. Monatsschrift für Literaturfreunde«, 32. Jahrg. 1929/1930, Stuttgart 1930, S. 26 ff; hier: S. 29).
Dieser Diettrich, den heute kaum jemand noch kennt, stand mit seinem
abwertenden Urteil nicht allein auf weiter Flur. Dennoch fanden sich
die Leser in großer Zahl; Erich Kästner wollte »dem Volk gefallen«
(Luiselotte Ernderle: »Erich Kästner«, Reinbek 1966, S. 61). Er gefiel
dem Volk und wurde zu einem angesehenen Schriftsteller im damaligen
Deutschland. Dieser Ruf blieb ihm treu bis in das Jahr 1933, dem
verhängnisvollen Jahr der großen Bücherverbrennung, der er am 10. Mai
selber beiwohnte.
Und nach dem Krieg? Auch in der Bundesrepublik hat er sein Ansehen als
ein bei dem Volk beliebter Schriftsteller beibehalten. Er lebte und
arbeitete bis zu seinem Tode als geachteter Autor in München: doch die
Arbeiten für Zeitung und Kabarett, Film und Theater ließen an
Intensität nach. Zunehmend galt dem Kinderbuch seine Zuneigung, »denn
für die Zukunft der heranwachsenden Generation ist der Einfluß der
Jugendliteratur genau so wichtig wie der Einfluß des Elternhauses und
der Schule« (Erich Kästner: »Gesammelte Schriften für Erwachsene«, Bd.
8, München 1969, S. 332).
Als Jugendbuchautor setzt er sich durch und findet schnell Beachtung,
von keinem maßgeblichen (Jugendliteratur)-Kritiker nun attackiert. Die
Einschätzung von Fritz Westphal hatte sich durchgesetzt: Erich Kästner
»ist ein Schriftsteller ersten Ranges, ein ganz unerhörter Meister der
Technik, dem nachzuspüren eine Freude ist« (Fritz Westphal: »Von ›Emil‹
bis ›Lottchen‹«. In: Jugendschriften-Warte (Neue Folge), 2. Jahrg.
1950, Nr. 11, S. 1).
Dieser Einordnung, der sich ernsthaft niemand widersetzen wollte, haben
sich Presse und Kritik, Wissenschaft und Forschung in der
Bundesrepublik nur zögernd angeschlossen. Es blieb vorerst dem Ausland
vorbehalten, Person und Werk eingehender zu analysieren. Insbesondere
John Winckelmann mit seiner Dissertation »Social Criticism in the Early
Works of Erich Kästner«, und Reinaldo Bossmann mit »Erich Kästner. Werk
und Sprache« sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Während Winckelmann
in seiner Studie die Beziehung zwischen Kästners Schriften aus der
ersten Schaffensperiode (bis 1933) und der politischen sowie
soziologischen Situation der Jahre herausarbeitet und die weitere
Forschung maßgeblich beeinflußt, darf Bossmanns Arbeit hier lediglich
als ein Steinchen im Mosaik wissenschaftlicher Arbeit angesehen werden.
Zwar wagt er sich an das Gesamtwerk heran (soweit es damals bereits
vorlag), doch die semantischen Bereiche und die Stilanalysen (mit
Verweisen auf Autoren, die Kästner beeinflußt hatten) genügen den
heutigen Anforderungen nicht mehr.
Zur gleichen Zeit degradierten Literaturwissenschaftler dieses Landes
Erich Kästner eilfertig zu einem leicht verdaulichen, satirischen
Gebrauchslyriker und Epigrammatiker (9). Wen kann es angesichts dieser
Fehleinschätzung verwundern, daß die Beschäftigung mit Erich Kästner an
deutschsprachigen Universitäten zuerst ausblieb und später nur sehr
langsam einsetzte. Entsprechend rar ist auch die Ausbeute an Schriften
über Erich Kästner.
Die ersten Abschlußarbeiten von E. Beyer, H. Kötter und H. Plünnecke
(12) belegen mehr Ratlosigkeit, sich diesem vielschichtigen Schaffen zu
nähern, als daß sie ein klares Wissenschaftskonzept erkennen lassen.
Das änderte sich, nachdem Kurt Beutler die erste ernsthafte
Auseinandersetzung schrieb. »Erich Kästner. Eine literaturpädagogische
Untersuchung« (Erschien 1967 als Band 1 der »Marburger Pädagogische
Studien, Neue Folge«) ist eine sorgfältige Studie, mit der Beutler den
pädagogischen Impetus Kästners an Beispielen der Werke für Erwachsene
und Jugendliche herausarbeitet und auf ursächliche Zusammenhänge für
die zunehmende Schwerpunktverlagerung im Kästnerschen Œuvre hinweist.
Ohne größere Einschränkung darf die Dissertation noch heute bei den
notwendigen Diskussionen zu Rate gezogen werden.
Die von Renate Benson (»Erich Kästner. Studien zu seinem Werk«, Bonn
1973) postulierte Einschränkung, Beutlers Arbeit habe »sich fast
ausschließlich mit dem Pädagogen, d.h. Jugendbuchautor«
auseinandergesetzt, muß zurückgewiesen, zumindest aber mit
Einschränkungen versehen werden. Der Vorwurf trifft nicht zu. Beutlers
Äußerungen zu den Kinder- und Jugendbüchern Erich Kästners nehmen viel
Raum ein. Seine Darlegungen sind aber schlüssig und, im Widerspruch zur
Auffassung Bensons, weder qualitativ noch quantitativ
überproportioniert. Vielmehr scheint es, als realisierte Beutler eine
Wissenschaftstheorie, um seine These zu untermauern, daß im Werk
Kästners Literatur und Pädagogik eine unzertrennliche Verbindung
eingehen. Hierin weiß er sich mit Erich Kästner einig; jener wollte gar
kein Schöngeist sein, »sondern ein Schulmeister! Betrachtet man seine
Arbeiten -vom Bilderbuch bis zum verfänglichsten Gedicht - unter diesem
Gesichtspunkt, so geht die Rechnung ohne Bruch auf. Er ist ein
Moralist. Er ist ein Rationalist. Er ist ein Urenkel der deutschen
Aufklärung, spinnefeind der unechten ›Tiefe‹, die im Lande der Dichter
und Denker nie aus der Mode kommt...« (»Kästner über Kästner«. In:
»Gesammelte Schriften für Erwachsene«, Band 7, München 1969, S. 297).
Angesichts dieser »Selbstauskunft« überrascht Bensons negative
Bemerkung um so mehr. Folgerichtig analysiert sie Kästner in ihrer
eigenen Dissertation in Antithese zu Beutler, obgleich sie, indem sie
dem Satiriker Erich Kästner, der zunehmend zu einem Skeptiker geworden
war, die Absicht zuerkennt, »die Umerziehung des Individuums auf
moralischem Gebiet, d.h. Erziehung zu verantwortlicherem Denken und
Handeln« (R. Benson: »Erich Kästner. Studien zu seinem Werk«, Bonn
1973, S. 9) zu propagieren, wesentlich an Erkenntnissen Beutlers
anknüpft. Diese Gemeinsamkeit bleibt in jedem Falle festzuhalten.
Weiterhin unbestritten ist, daß Renate Benson darüber hinausgehend die
Schwankungen, oder wie Kästner in seinem Geleitwort zur Buchausgabe
anmerkt, die »scheinbare Diskrepanz« zwischen »meinen recht
unterschiedlichen Arbeiten als Gebrauchslyriker, Erzähler und Autor von
Jugendbüchern« (R. Benson: »Erich Kästner. Studien zu seinem Werk«,
Bonn 1973, S. 4), herausstellt, um schließlich die Elemente, »die allen
seinen Werken gemeinsam sind« (R. Benson: »Erich Kästner. Studien zu
seinem Werk«, Bonn 1973, S. 10) hervorzuheben. Diese Verfahrensweise,
die einer weitgehend werkimmanenten Betrachtung gleichkommt, fordert
zur berechtigten Kritik heraus. Daraus aber abzuleiten, diese
Dissertation füge sich nahtlos in die bis dahin vorhandene
Konzeptionslosigkeit der Kästner-Forschung ein, ist übertrieben, denn
letztlich profitiert die Kästner-Forschung durch diese Arbeit, vor
allem auch dann, wenn man die Konsensfähigkeit der Arbeiten von Beutler
und Benson ausschöpft.
Noch immer ist die Anzahl der veröffentlichten Studien über Erich
Kästner wahrhaftig nicht imposant. Das neue Wissenschaftsverständnis,
das im Zuge der Politisierung der 70er Jahre Einzug in die
Universitäten gehalten hat, führte aber zu neuen Methoden in der
Analyse, die dem Werk Erich Kästners gerechter zu werden versprachen.
Doch die Hoffnung trog. Erich Kästner und seinem Werk galt weiterhin
nur geringes Interesse. Von den neueren Arbeiten aus dem
Universitätsbereich ist lediglich die faktenreiche Dissertation von
Dirk Walter (Dirk Walter: »Zeitkritik und Idyllensehnsucht. Erich
Kästners Frühwerk [1928 – 1933] als Beispiel linksbürgerlicher
Literatur in der Weimarer Republik«, Heidelberg 1977) hervorzuheben,
der das Ideologieverständnis Erich Kästners an Beispielen früher Werke
(Gedichtbände und »Fabian«) aufarbeitet; da er für seine Analysen nur
das Frühwerk berücksichtigt, bleibt natürlich ein Gran Skepsis, denn
auch in der Begründung seiner aufschlußreichen Thesen greift Walter
vorwiegend auf Kästners Lyrik und seinen Roman zurück; die Jugendbücher
dieser Jahre bezieht Walter hingegen nur beiläufig mit ein.
Die populärste Darstellung gelingt Helmut Kiesel (Helmut Kiesel: »Erich
Kästner«, Autorenbücher 26, München 1981) mit seinem soliden Autoren-
und Werkporträt. Es zeichnet sich durch die sachkundigen Analysen aus,
die allerdings weitgehend den vorhandenen Forschungsstand referieren
und zuweilen zusammenfassen. Daß Kiesel die historischen
Voraussetzungen und Bedingtheiten nur am Rande mit einbezieht, hat
dieser Veröffentlichung sicherlich ein wenig geschadet. Dennoch ist es
wichtig festzuhalten, daß er sich (und in diesem Zusammenhang dürfen
wir Dirk Walter ohne Einschränkungen einbeziehen) dem Autor nicht
unterwürfig nähert. Vielmehr verweist er zuweilen mit Vehemenz auf die
Schattenseiten seines umfangreichen Werks und gelangt so zu einer
zuverlässigen Würdigung, der lediglich fundamental neue Erkenntnisse
und weiterführende Wissenschaftstheorien fehlen.
Diese spärliche Aufzählung wissenschaftlich zu wertender Arbeiten über
Erich Kästner, zu denen wir auch Kiesels Arbeit zählen, obgleich er
sich offensichtlich mehr an den »lesenden Bürger«, d.h., an den nicht
unbedingt an wissenschaftlicher Aufarbeitung interessierten Leser
richtet, unterstreicht die eingangs aufgestellte Behauptung, daß man
»die Beschäftigung mit den Versen Erich Kästners ... lieber dem
Ausland« überlassen habe (Marcel Reich-Ranicki: »Ist das Leichte gleich
verächtlich?«. In: »Wer schreibt, provoziert«, München 1966, S. 172 ff,
hier: S. 173). Der Gesamtauflage des Kästnerschen Werkes hat diese
(Fehl)-Einschätzung aber wohl nicht geschadet. Es gibt kaum jemanden in
diesem Land, der hier aufgewachsen ist, ohne ein Buch Kästners jemals
gelesen zu haben.
Dennoch muß die Frage nach den Ursachen des weit auseinanderklaffenden
Rezeptionsverhaltens erlaubt sein, denn die Folgen dieser
»Geringschätzung« bleiben spürbar. »Der größere Teil von Kästners
Lebenswerk war schon geschrieben und doch hatte der Autor in einem
Land, wo man mit literarischen Auszeichnungen sonst nicht sparsam
umzugehen pflegt, noch keinen nennenswerten Literaturpreis bekommen«
(Werner Schneyder: »Erich Kästner«, München 1982), konstatiert Rudolf
Walter Leonhardt bedauernd und beinahe ein wenig resigniert in seinem
Vorwort zu dem von ihm1 zusammengestellten einbändigen Auswahlband.
Während Kinder und Jugendliche mit dem Namen Erich Kästner zumeist
positive Leseerfahrungen verbinden, reduziert sich seine Bekanntheit
bei den Erwachsenen erheblich. Vorwiegend in der mittleren Generation
(25 bis 50 Jahre alt) wird Kästner als angepaßter, überbewerteter und
zeitungemäßer Schriftsteller abgelehnt. In dieser Einschätzung decken
sich die Erkenntnisse Werner Schneyders mit meinen bisherigen
Erfahrungen: »Erich Kästner war für die, die in den späten sechziger
Jahren zu denken und zu handeln begannen, von vornherein einer von
jenen. Er entstammte der Generation, die den Faschismus nicht
verhindert hatte ... Es war diesen Jungen eher ein Rätsei, warum ein
Verfasser einer Geschichte wie 'Das doppelte Lottchen' von den Nazis
geächtet war, warum seine Werke gar verbrannt worden waren. Im
Bücherschrank der Eltern standen, wenn man den Zeichnungen trauen
durfte, witzige Romane, im eigenen Bücherschrank Kinderbücher, die man
wohl geliebt hatte, aber eben ›früher‹« (Werner Schneyder).
Der Mann, der seinen Hunderttausenden Lesern als Moralist und Satiriker
die Augen über Mißstände in Deutschland zu öffnen trachtete - was
letztlich nicht gelungen ist, nicht gelingen kann, wie uns unsere
Geschichte lehrt - und schließlich ernüchtert und an der Krankheit
Pessimismus leidend resignierte, hat heute einen gesicherten Platz nur
noch als Jugendbuchautor.
Wenn diese Ausführungen aus dem Jahre 1983 (die bis jetzt noch
Gültigkeit haben!) ein wenig dazu beitragen kann, ursächliche Gründe
für diese Entwicklung herauszufinden, wenn es ihr gelänge, einen
Friedenspakt zu schließen zwischen dem Kästner für Erwachsene und dem
für Kinder und Jugendliche, dann ist der Autor seinem Ziel ganz nahe.
Darüber hinaus war es Absicht, einmal summarisch aufzulisten, wie viele
Auseinandersetzungen, Würdigungen und Rezensionen über Erich Kästner
und sein Werk bis heute schon geschrieben und veröffentlicht worden
sind. Es galt vieles zusammenzutragen, soviel darf verraten werden,
mehr als gedacht und doch weniger, sehr viel weniger als es dieser
Schriftsteller verdient hätte.
(aus: Rudolf Wolff (Hg.), Erich Kästner. Werk und Wirkung. Sammlung Profile 1, Bonn 1983).

