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WFB Verlagsgruppe > Literarische Tradition > Dürers Holzschnitte

Leseprobe »Das Marienbuch«

Cover Marienbuch
Rudolf Wolff (Hrsg.)

»Das Marienbuch -
Dürers Marienleben nebst einer Auswahl der schönsten Marienlegenden und alten deutschen Marienlieder

148 Seiten
Preis 12,00 €

ISBN 978-3-86672-102-9
Literarische Tradition
in der WFB Verlagsgruppe
Maria und der Räuber

I
n der Nähe der Stadt Trient hauste ein berüchtigter Räuber, der viele Untaten beging. Alle, die sich zu verteidigen suchten, wurden ohne Barmherzigkeit von ihm ums Leben gebracht.

Er begegnete einmal einem Mönche des Zi­sterzienserordens, und da er vermutete, dieser führe Geld bei sich, sprach er zu ihm: »Gehst du nicht freiwillig mit, so werde ich dich umbringen.« Der Mönch folgte ihm und fragte ihn unterwegs, was er sei und was er treibe? Da erwiderte jener: »Ich bin der berühmte Räuber«, und nannte dabei seinen Namen. »Deine Haare fangen schon an zu bleichen«, sagte hierauf der Mönch, »und du bangst nicht um dein Seelenheil?« – »Sowenig wie das Vieh«, lautete die Antwort. Der Mönch schwieg hierauf.

Als sie in die Höhle des Räubers kamen, dachte der Bruder bei sich: »Könntest du diesen Menschen bekehren, so würdest du Gott einen großen Dienst erweisen.« Und er sprach zum Räuber: »Darf ich eine Frage an dich richten?« – »Warum nicht?« – »Wie ist wohl dein Leben von frühester Jugend an gewesen?« – »Mein Leben war ein schlechtes. Als Knabe stritt ich mit meinen Genossen, als Jüngling stahl ich, Mann geworden, ergab ich mich dem Raub und habe es darin so weit gebracht, daß ich jetzt Hauptmann und Meister aller Räuber dieser Gegend bin.« – »Und du fürchtest nicht die ewigen Strafen, für welche du dich reif gemacht hast?« – »Um meine Seele kümmere ich mich nicht, da sie doch verloren ist.« – »Wenn ich dir aber einen Weg zum Heil angeben könnte, würdest du ihn wohl einschlagen?« – »Warum nicht?« – »So faste einen Tag in der Woche zu Ehren der heiligen Mutter Gottes und tue am selbigen Abend niemand etwas zu leid, dann sei versichert, daß sie bei ihrem Sohne Fürbitte für dich einlegen wird.« – »Ich gelobe dir, dies zu tun, nichts werde ich an diesem Tage genießen, keinen berauben und keinem ein Leid zufügen.«

Er wählte sich den Samstag und tat an demselben kein Unrecht mehr, er entriß vielmehr zu Ehren der heiligen Jungfrau den Händen seiner Genossen manche, die sie schon im Begriffe standen zu berauben oder zu töten.

Um diese Zeit war Trient von Feinden umringt, und als die Soldaten der Stadt einmal an einem Samstag einen Streifzug gegen sie machten, nahmen sie auch jenen Räuber, der an diesem Tage keine Waffen trug, gefangen. Obwohl er außergewöhnliche Kräfte besaß, setzte er sich doch nicht zur Wehre, suchte sich auch nicht zu rechtfertigen und gab, während man ihn fortbrachte, auf keinerlei Frage eine Antwort. In die Stadt gebracht und erkannt, wurde er sofort zum Galgen verurteilt.

Die Richter gerieten jedoch, wie man glaubt auf Einwirkung der heiligen Jungfrau, über die außerordentliche Schönheit des Mannes in Erstaunen und kamen überein, sie wollten ihn des Landes verweisen. Er lehnte dies jedoch ab und erklärte: »Es ist besser, ich leiste hier für meine Verbrechen Sühne, als dadrüben.« – »So laß dir den Kopf abhauen.« – »Es kümmert mich nicht, wie ich bestraft werde, wenn ich nur bestraft werde.« – »Willst du, daß man dir einen Priester rufe?« – »Das ist unnötig. Ihr alle seid Christen, und euch werde ich meine Verbrechen beichten.« – Dies tat er mit größter Zerknirschung und bekannte offen, er habe nie etwas Gutes getan, als jenes Fasten, das ihn der Mönch gelehrt habe. So wurde er vor der Stadt enthauptet und gleich eingescharrt.

In der Nacht aber sahen die Torwächter an diesem Platze Lichter brennen. Fünf Frauen gruben den Leichnam aus, setzten dem Rumpfe den Kopf wieder auf, legten den Toten in einen Sarg und bedeckten ihn mit einem Purpurgewande. Vier von den Frauen, welche brennende Kerzen in den Händen hielten, hoben den Sarg auf und brachten ihn, während die fünfte und vornehmste unter ihnen gleichfalls eine Kerze trug, bis vor eines der Stadttore. Die Wächter erschraken bei diesem Anblick und glaubten, eine gespenstische Erscheinung vor sich zu sehen. Jene Vornehm­ste aber sagte: »Meldet eurem Bischof, daß er meinen Kapellan, den ihr enthauptet habt, in der Kirche ehrenvoll beisetze.« Sie bestimmte auch den Ort, wo dies geschehen sollte, und fügte noch Drohungen bei, so man es versäumen würde.

Als man dies in der Frühe dem Bischof gemeldet hatte, zog er mit Geistlichkeit und Volk hinaus, hob den Purpur auf und erschrak heftig, als er das abgeschlagene Haupt wieder auf dem Rumpfe sah. Bei Betrachtung des Purpurs aber erklärte er, etwas so Kunstvolles könne nicht von der Hand eines Menschen herrühren. Er schenkte allem, was die Torwächter ausgesagt hatten, Glauben, und so wurde jener Mensch nicht wie ein Räuber, sondern wie ein Märtyrer Christi an dem bestimmten Ort ehrfurchtsvoll beigesetzt. Von dieser Zeit an bis auf heute gibt es in jener Gegend keinen erwachsenen Menschen, welcher nicht, dem Beispiele des Räubers folgend, am Samstag fastete.

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Dürers berühmte Holzschnittfolge »Das Marienleben« ist größtenteils in den Jahren 1504 bis 1505 entstanden. →Weiter

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