Die wundersame Holzbank

Ausbruch aus dem Bannkreis der Mutter

 

Eigentlich hätte jetzt alles in Ordnung sein können. Aber im Gegenteil. In mir war etwas ganz gewaltig in Bewegung geraten. Zum ersten Mal in meinem noch so jungen Leben verspürte ich in diesem Augenblick ein unwiderstehliches Bedürfnis, ja einen inneren Zwang, aus dem Bannkreis der Mutter auszubrechen. Im Gefolge dieser inneren Trennung nahm ich auch zum ersten Mal mein Ich als völlig eigenständiges Ego wahr. Und dieses Ego verlangte in diesem Augenblick nach einer zukunftsweisenden Vergangenheitsinventur.

Ich mußte an die frische Luft nach draußen. Mein Ziel war eine der mir vertrauten Eifelhöhen, die das malerische Städtchen Gemünd liebevoll umarmen.

Die mich umgebenden Schönheiten der Natur sah ich nicht. Meine Augen schauten in mich hinein. Auf einer von blühenden Sträuchern umgebenen und geschützten alten Holzbank ließ ich mich nieder. Dieses Ich, dieses Ego, dieses personifizierte individuelle Sein, dieses »Ich bin« bäumte sich mit aller Macht gegen mein unsägliches Abartigsein auf. Mein Ich wehrte sich heftigst gegen die Ursachen allen Übels, gegen die Attribute »DICK und DUMM«.

 

Was passierte da im Augenblick in mir?


Eingebettet in die unaufdringliche Wohligkeit eines lauen Frühlingstages, erfüllte mich die unendliche Stille des Alleinseins. Und dieses Ich verspürte ein unbändiges Verlangen, die bestehenden bösartigen Strukturen niederzureißen. Ich sehnte mich nach einem Dammbruch, der sintflutartig den ekelhaften Unrat meines bisherigen Lebens wegschwemmen sollte. Es war da aber auch eine überwältigende Sehnsucht nach Normalität. Ich war ergriffen von einem berauschenden, aber auch gleichzeitig melancholisch in Frage gestellten Verlangen nach einem schlanken, durchtrainierten und bewundernswerten Körper. Ich war beseelt von dem Traum, wegen meiner wachen Intelligenz, meines umfangreichen Wissens, meiner ehrlichen Klugheit und geistigen Geschicklichkeit bewundert, beachtet und geachtet zu werden.

Die Wunschbilder lagen klar vor meinen Augen, allein der Weg dorthin war nicht zu erkennen. Kann man überhaupt anders werden, als man ist? Meine Ideale schienen in der nicht erreichbaren Ferne der Unmöglichkeit zu liegen. In diesem Moment dort oben auf der Holzbank – das wurde mir erst viel später bewußt – befand ich mich an einem Scheideweg meines Lebens. Der eine Weg, der sich bot, war der Weg der Selbstverachtung, der Minderwertigkeit, der Gleichgültigkeit und der Isolation, möglicherweise gepaart mit Haß, Rachsucht und Aggression. Es war der Weg zurück ins heimische Asyl, es war der Weg ohne Zukunft.

Der andere Weg wäre die Verwirklichung meiner Wunschbilder gewesen. Mein Kopf sagte mir damals, einen solchen Weg gibt es nicht. Mein Herz aber klammerte sich verzweifelt an die Traumbilder von einem anderen Ich.

Den Zustand, in den ich dort oben auf der Bank hineingeglitten war, könnte man nachträglich betrachtet als eine Art Selbstsuggestion bezeichnen. Und urplötzlich eröffnete sich mir eine neue Dimension für einen Weg in eine bessere Zukunft.

Meine sehr gläubige Mutter hatte mich gelehrt zu beten. Zum ersten Mal sprach ich mit suggestiver Inbrunst mit Gott: »Laß mich schlank und intelligent sein, laß mich schlank und intelligent sein, laß mich…«. Zigmal habe ich diese imperativen Gebetsformeln, vergleichbar einem Rosenkranzgebet, wiederholt.

„Lieber Gott, ich finde allein diesen Weg nicht, aber ich weiß, wenn Du willst, führst Du mich zum Ziel«.

 Mehrere Stunden muß ich dort oben auf der Bank zugebracht haben. Als ich nach Hause kam, freute sich meine Mutter, daß ich pünktlich zum Abendessen erschienen war.

 

Nach einer Hypnose, also nach einer Fremdsuggestion, erinnern sich die Betreffenden kaum oder nicht mehr an das, was in diesem Zustand besprochen worden ist. Auch bei mir war alles virtuell Erlebte aus meinem aktuellen Bewußtsein verschwunden.

Erst viele Jahre später erkannte ich die wundersame Bedeutung der Trancestunden damals dort oben auf der Holzbank in der Eifel.

 

Auch in meinem Leben war mit Beginn der Pubertät die hormongesteuerte Interessenverlagerung und eine Umorientierung der bisherigen Werteskala eingetreten. Damit war aber auch das Ausmaß meiner Leiden, Qualen und meines Selbstwertverlustes um eine neue, aber sehr intensive Facette erweitert worden.

Aus scheuer Distanz beobachtete ich, wie meine Schulkameraden die ersten noch tölpelhaften Annäherungen zu hübschen Mädchen versuchten. Ich mußte aus beschämten Abstand zuschauen, wie andererseits die Mädchen den schlanken, sportlich wirkenden und scheinbar selbstbewußt auftretenden Jungs schöne Augen machten. Auch nach mir schauten diese Mädchen, aber mit kalten, ablehnenden, spöttisch lächelnden und hohnvollen Blicken.

Es muß wohl der unerschöpflichen Vitalkraft der Jugend zuzuschreiben sein, daß ein heranwachsender Mensch über so viele Jahre permanente Schmach, Erniedrigung und Verstoßung überleben kann.  

 

Während  ich betrübt mit hängenden Schultern nach Hause trottete, zuckte plötzlich ein Gedanke wie ein heller Blitz in mir auf. Ein Schrei der Hoffnung. Wie nun, wenn sich das Idealbild meiner Träume doch realisieren ließe? Auf der Urftbrücke blieb ich stehen. Lehnte mich ans Geländer. Verlor meinen Blick im dahinfließenden Wasser und vergaß die Umgebung im monoton plätschernden Rauschen des Baches. Und dann hörte ich meine innere Stimme: »Lieber Gott, laß ein Wunder geschehen, laß mich schlank, attraktiv und intelligent werden!« Hoffnungslos trottete ich weiter. Noch einmal, bevor ich zu Hause war, stöhnte in mir ein Hoffnungsflackern auf. Erst mit Vollendung der Umwandlung in mein Wunschbild würde ich mich für wert genug halten, einem wunderschönen jungen Mädchen aus meinem Heimatort meine erste große Liebe zu gestehen.

Zunächst war ich weit davon entfernt,all das,was von nun an mit mir geschah,nur annähernd mit meinen selbstsuggestiven Vorstellungen oder Gebetsinhalten  in Verbindung zu bringen.

 

 

Aufbruch zu einem neuen Ich

 

In den verbleibenden Wochen der Sommerferien wurde meine Umpflanzung von zu Hause in jene Stadt mit dem naturwissenschaftlichen Gymnasium vorbereitet. Nach all meinen bisherigen Erfahrungen stand ich vor einer weiteren Etappe eines vernichtenden Höllenrittes.

Wenige Tage vor Schulbeginn stellte mich meine Mutter dem Direktor des neuen Gymnasiums vor. Dieser vornehme, besonnene, geradezu gemütlich wirkende Mann war mir sofort sympathisch. Vielleicht ein erster kleiner Lichtpunkt am Ende eines noch düster und bedrohlich wirkenden unendlich langen Tunnels. Ich erinnere mich noch genau daran, es war mir äußerst peinlich, daß zwischen dem Stolz, mit dem mich meine Mutter vorstellte, und der verzweifelnden Mißstimmung in mir eine enorme Diskrepanz bestand.

Anschließend zeigte sie mir meine neue Bleibe. Ein karg eingerichtetes Zimmer im Kolpinghaus. Die vier Betten signalisierten mir, daß ich diesen Raum mit drei Zimmergenossen teilen mußte.

Weg von zu Hause, gewaltsam herausgerissen aus der mich liebevoll umsorgenden und verwöhnenden Obhut der Mutter. Weg von dem Städtchen Gemünd, das trotz all meiner Probleme mein Heimatort geworden war. Zum ersten Mal litt ich unter einer bedrohlich wirkenden, verängstigenden Einsamkeit. Man erwartete, daß ich mich in einem völlig neuen Umfeld, in einem Heer fremder Menschen und in der Flutwelle eines schwierigen und umfangreichen 

Oberstufenlehrstoffes zurechtfinden würde. Warum wurde ich, das Muttersöhnchen, in dieser Situation, nach all dem Furchtbaren, was ich bisher erleben mußte, und all dem, was ich nun erleben sollte, nicht schlicht und einfach depressiv?

Nein, da flammte noch etwas anderes in mir auf. Es war eine Ahnung, eine Hoffnung in mir erwacht, daß dieser gewaltige Schnitt in meinem noch jungen Leben die chancenreiche Initialzündung für eine revolutionäre Umgestaltung meines bisherigen inneren und äußeren Erscheinungsbildes bedeuten könne.

 

 

Dann war der »D–Day« da.

Mutter und Vater begleiteten mich an einem schönen Sonntagnachmittag zum Bus. Glücklicherweise bestand eine etwa eineinhalbstündige Linienbusverbindung zwischen beiden Orten. Mutter tröstete mich noch mit dem Hinweis, daß die erste Woche wegen der vielen neuen Eindrücke schnell vorübergehen würde und ich dann am Samstag wieder zu Hause wäre. Sie wies mich noch darauf hin, die beiden gut belegten Brote während der Fahrt zu essen.

Der Bus fuhr ab. Vater und Mutter hatten Tränen in den Augen. Wir winkten uns solange zu, bis wir uns nicht mehr sehen konnten.

Das war der Augenblick der Trennung aus dem Bannkreis der Mutter und der Beginn eines Weges zu neuen Welten. Für diesen neuen Weg besaß ich keinerlei Wegbeschreibung. Aber es war da in mir eine vorwärts treibende Kraft, diesen Weg mit einer völlig anderen Richtung als der bisherigen zu gehen.

 

Schließlich kam ich im Kolpinghaus an. Nach einer sehr freundlichen Begrüßung begleitete man mich auf mein Zimmer, wies mir mein Bett und meinen Schrank und überließ mich mir selbst. Meine Zimmergenossen waren noch nicht an  Bord. Wie ich bald erfuhr, war das Zimmer zurzeit nur mit zwei Personen belegt. Mein Mitbewohner war ein sehr sympathischer und vornehmer, aus Kalkutta stammender junger Inder. Er war der Sohn einer wohlhabenden Unternehmerfamilie, hatte zu Hause Maschinenbau studiert, sprach fließend Englisch und Französisch und verstand auch ein paar Brocken Deutsch. In Deutschland wollte er bei namhaften Firmen praktische Erfahrungen sammeln. Während der acht Monate bis zu seiner Heimreise sind wir gute Kameraden geworden. Er war ein weltgewandter, interessanter und auch lehrreicher Gesprächspartner. Er hat mir sehr geholfen, die erste Zeit der Trennung von zu Hause zu erleichtern.

 

Ein erster kleiner Schritt kann dem gesamten Weg die Richtung geben.

Mein erster Schritt an diesem Sonntagabend bestand darin, die mir als Reiseproviant mitgegebenen Brote nicht zu essen, sondern an meinen gertenschlanken Zimmerkollegen abzutreten, einen fast zweistündigen Kennenlernspaziergang durch die Stadt zu unternehmen und auf das Abendessen zu verzichten.

An diesem Abend verspürte ich eine energiegeladene Zielstrebigkeit in mir, alles zu tun, um die Hauptursache meines Übels, die Fettsucht, so schnell wie möglich abzuschütteln.

Die neuen Klassenkameraden zeichneten sich vom ersten Tag an durch ein gutes Bildungsniveau aus. Ich verspürte eine wohltuende Erleichterung, daß sie mich sofort wie einen von ihnen annahmen. Ich wurde von Schülern und Lehrern ernst genommen. Ich erlebte keine einzige, mein Gewicht betreffende dumme Bemerkung. Die Lehrer brachten viel Verständnis für meine Umstellungsschwierigkeiten auf. Und ich gab mir viel Mühe, mit großem Engagement am Unterricht teilzunehmen. Die rücksichtsvolle, feinfühlige und zuvorkommende Aufnahme durch die Lehrer und die Mitschüler der neuen Schule erweckte in mir den Ehrgeiz  zu beweisen, daß ihre Investitionen in mich berechtigt und gut angelegt seien. So viel menschliche Wärme hatte ich bisher von Außenstehenden noch nie kennengelernt. Diese für mich so erhebenden Erfahrungen bewirkten in mir einen riesigen Motivationsschub, auf diesem Weg weiter zu gehen. Und damit war das Drehbuch für einen Film geschrieben, in dem ich eine mich selbst und alle anderen begeisternde Hauptrolle spielten sollte.

Das »Große Nichtfressen« bestand aus zwei Scheiben Brot, die ich mir morgens, eine Tasse schwarzen Kaffee trinkend, spartanisch belegte und in den Unterrichtspausen genussvoll verzehrte, gelegentlich einen Apfel. Darüber hinaus leistete ich mir den »Hochgenuß«, auf Mittag- und Abendessen zu verzichten.

Meine Mutter verstand die Welt nicht mehr, weil ich von den verführerischen Speisen, die sie mir samstagnachmittags bis sonntagmittags zu Hause anbot, den größten Teil übrig ließ. Noch nie so oft wie in dieser Zeit habe ich von ihr den besorgten Vorwurf anhören müssen, daß ich ihr gar nicht gut gefalle, und ich solle bloß aufpassen, daß ich nicht krank würde. Das aber war, übersetzt in meine neue Sprache, ein dickes Kompliment.

Die durch wenig Essen erzielte Abnahme reichte mir nicht aus. Neben dem kargen Schulsport verfolgte ich täglich ein eigenes entwickeltes Trainingsprogramm. Jeden Tag fuhr ich mit meinem klapprigen Fahrrad eine Strecke von zehn Kilometern zu einem Sportplatz, um dort auf der Sandbahn anfangs zehn, nach einem halben Jahr fünfzehn und später bis zu zwanzig Runden zu laufen.

In der Badesaison wurden in dem damals noch unbeheizten Schwimmbad, unbeeindruckt vom Wetter und der Wassertemperatur, an den beiden Wochenendtagen zwanzig Bahnen zu fünfzig Meter heruntergeschwommen.

Darüber hinaus stattete ich täglich direkt nach Schulschluß der zum Gymnasium gehörenden Sporthalle einen einstündigen Besuch ab. Bodybuilding oder computergesteuerte Krafttrainingsanlagen waren zu dieser Zeit unbekannte Begriffe. Aber die dort vorhandenen Geräte reichten mir für einen umfassenden Muskelaufbau.

 

Wie zur damaligen Zeit üblich, war um dreizehn Uhr in meinem neuen Gymnasium Schulschluß. Auch unter Abzug meines Sportprogramms war meine Freizeit reichlich bemessen. Radio oder Plattenspieler standen mir im Kolpinghaus nicht zur Verfügung. Fernsehen ein unbekanntes Wesen. Meine finanzielle Ausstattung ließ Kino- oder Cafébesuche nicht zu.

Gähnende Langeweile wollte ich in den vielen Stunden, die ich auf meinem Zimmer – ganz gleich, ob mit oder ohne Mitbewohner – zubrachte, nicht aufkommen lassen. Als erstes wurden mit Exaktheit und Fleiß die Hausaufgaben erledigt. Danach bot mir ein gut halbstündiger Schaufensterbummel Abwechslung. Wieder zurück auf meinem Zimmer, fiel mir nichts Besseres ein, als die Hausaufgaben zu wiederholen. Den Rest des Tages und den Abend verbrachte ich damit, in all meinen Schulbüchern zu lesen. Weiterhin studierte ich den Unterrichtsstoff von gestern, heute und morgen.

 

Nach etwa einem halben Jahr zeichnete sich unübersehbar ab, daß sich mein körperliches, geistiges und damit auch psychisches Erscheinungsbild in einem metamorphose–ähnlichen Umwandlungsprozeß befand.

 

Meine neuen Klassenfreunde hatten sich anfangs mit Bemerkungen zu meiner Körperfülle dankenswerterweise vornehm zurückgehalten. In den letzten Monaten aber konnten sie sich nicht bremsen, mich mit Kommentaren einzudecken. Sie geizten nicht mit anerkennenden und bewundernden Komplimenten. Mein Leistungszuwachs im Sport begeisterte meine Sportlehrer und ließ meine Mitschüler staunen. Ich habe damals erfahren, was es heißt und wie man sich fühlt, was das geflügelte Wort – »vor Stolz geschwellte Brust« – zum Ausdruck bringen will.

Dank meines großen Aufwandes bei der Erledigung der Hausaufgaben, meiner mehrfachen Vor- und Nachbereitung des Lehrstoffes, konnte es nicht ausbleiben, daß ich im Verlauf des ersten Jahres zu den Klassenbesten in allen Fächern gehörte. Einige Eltern von schwächeren Schülern meiner Klasse baten mich sogar, diesen Nachhilfeunterricht zu erteilen. Da die intensivste und effektivste Methode zu lernen das Lehren ist, wirkten sich die zahlreichen Nachhilfestunden äußerst förderlich auf meine eigenen Zeugnisnoten aus.

Nach gut einem Jahr konnte ich mich im wahrsten Sinne des Wortes als schlank bewundern und genießen. Die abstoßenden und quälenden Fettberge waren weggeschmolzen. Durch dieses Entfetten im Zusammenhang mit meinem intensiven, ausgewogenen und abwechslungsreichen Trainingsprogramm hatten sich meine Körperproportionen total verändert. Die Schultern breit, die Hüften schmal. Das Relief meiner Muskulatur war deutlich ausgeprägter als das aller meiner Altersgenossen. Heute würde man sagen – typisch »Muckibude«. Nach dem, was ich in früheren Jahren wegen meines Körpers erleiden mußte, habe ich mir in dieser Phase einen Anflug von narzisstischem Genuß erlaubt.

Trotz aller Erfolge, die der Ortswechsel bewirkte und trotz der vielen Freunde, die ich inzwischen in meiner neuen Umgebung gewonnen hatte, sehnte ich die Wochenenden, die ich ausnahmslos zu Hause verbrachte, herbei. Stolz bewunderte ich meine neu gewonnene Fitness, wenn ich bei entsprechendem Wetter die gut vierzig Kilometer lange Strecke hinauf in die Eifel ohne Mühe mit einem Fahrrad – damals natürlich ohne Gangschaltung – zurücklegte.

 

Meiner Mutter bereitete es sichtlich großes Vergnügen, mich wie in früheren Zeiten mit ihren Kochkünsten zu verwöhnen. Mutters Küche am Wochenende zu erleben, war ein Hochgenuß. Aber das Wertvollste an diesen Mahlzeiten war meine eiserne Motivation, nur kleinere Portionen zuzulassen. Schmunzelnd erwartete ich immer wieder die Ermahnung meiner Mutter, ich solle es mit der Abnehmerei nicht übertreiben. Ein Lob oder gar ein Kompliment zu meinem neuen Aussehen habe ich, aus welchem Grund auch immer, von ihr nie erhalten.

 

An dieser Stelle sei mir ein ernährungsphysiologischer Einwand zur Vermeidung von Mißverständnissen erlaubt. In den vielen Monaten, in denen ich nur zwei Scheiben dünnbelegtes Brot und einen Apfel am Tag zu mir nahm, hätten ernährungsbedingte Mangelerscheinungen auftreten können. Diese Ernährungsdefizite wurden aber durch die abwechslungsreiche Kost an den Wochenenden ausgeglichen.

 

In den Sommermonaten blieb mir nach meiner Ankunft am frühen Samstagnachmittag zu Hause, zum Leidwesen meiner Mutter, keine Zeit für viele Worte und erst recht nicht für eine Mahlzeit. Ich mußte einem starken inneren Drängen folgen und so schnell wie möglich zum Gemünder Freibad eilen. Jetzt, nach meiner Verwandlung, zog es mich magisch an jenen Ort, wo ich damals verzehrende Schmach und beißenden Spott einstecken mußte. Es bereitete mir ein berauschendes Vergnügen, mich jetzt, nur mit einer Badehose bekleidet, dort zu zeigen, wo ich mich einst schämte, gesehen zu werden.

Der Gemünder Sportplatz lag unmittelbar neben dem Schwimmbad und war von den Badegästen gut einzusehen. Es bereitete mir ein stolzes Vergnügen, mit einem Lauf über zwanzig Runden meine Kondition und meine sportliche Fitness zu demonstrieren. Während des sofort anschließenden Freistilschwimmens über tausend Meter gelang keinem der Versuch, mein Tempo mehr als eine Bahnlänge mitzuhalten.

 

Vor Jahren hängte ich mir verschämt ein Badetuch um und schlich an der Hecke entlang zu einem abgelegenen Liegeplatz. Welten lagen zwischen meinen Gefühlen einst und jetzt. Ich genoß die auf mich gerichteten staunenden und bewundernden Blicke und das anschließende Geflüster und Getuschel. Auch, wenn ich die Worte nicht wahrnehmen konnte, wußte ich doch, worüber geredet wurde. Genugtuung durchströmte mich, wenn ich spürte, daß so mancher Blick von weiblichen Badeschönheiten länger als üblich auf mir haftete.

Ein Erlebnis im Gemünder Schwimmbad hat damals dazu beigetragen, daß mein einst total zerrüttetes Selbstwertgefühl eine spürbare Aufbauspritze erhielt.

Mehrere Sportstunden am Gymnasium wurden in den letzten Jahren ins städtische Hallenbad verlegt. Dort hatte ich, weil es mir leicht fiel, Kunstsprünge vom Dreimeterbrett geübt und beherrschen gelernt. Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, auch im Gemünder Schwimmbad Saltos vor- und rückwärts, mit und ohne Schraube zu zelebrieren.

 

Eine kurze Pause war angesagt. Ich saß am Beckenrand, und meine Füße baumelten im Wasser. Ein junger Mann kam auf mich zu und fragte höflich, ob er mich kurz sprechen dürfe. Er handele im Auftrag einer jungen Dame. Er wies in die Richtung, wo diese auf der Liegewiese Platz genommen hatte. Sie hatte ihn gebeten, mich anzusprechen. Er nannte mir ihren Namen, den ich, da war ich mir sicher, schon einmal gehört oder gelesen hatte. Sie habe gewußt, so erzählte er weiter, daß ich an diesem Tag im Gemünder Schwimmbad anzutreffen sei. Sie sei hierher gekommen, um mich kennen zu lernen. Der Stolz über dieses Kompliment war in diesem Moment so groß, daß ich fast seine Bitte, ihn zu der Dame zu begleiten, aus lauter Überheblichkeit abgelehnt hätte. Schließlich schlenderte ich, bewußt gelangweilt wirkend, zu ihr hin. Erst als ich vor ihr stand, schaute ich sie an. Was ich da sah, war das himmlische Abbild eines wunderschönen und sehr selbstbewußt wirkenden jungen, vielleicht achtzehnjährigen Mädchens.

Wie ich später erfuhr, war sie die einzige Tochter eines Großunternehmers. Ein Klassenkamerad, seinen Namen habe nie erfahren, hatte ihr von mir erzählt. Das habe, so erfuhr ich später, zu ihrem Entschluß geführt, mich kennen zu lernen.

Geprägt wurde diese künstlich eingeleitete Begegnung von gegenseitigem Respekt und einem gehörigen Maß an Unsicherheit auf beiden Seiten. Es wurden ausgewählt höfliche, aber letztlich belanglose Worte gewechselt. Für gegenseitige Sympathie oder gar Zuneigung war in dieser Situation kein Raum vorhanden. Wir verabredeten uns für die kommende Woche.

Diese meine abenteuerliche Begegnung war sicherlich nicht unbeobachtet geblieben. Auf dem Rückweg zu meinem Liegeplatz versuchte ich den Eindruck zu vermitteln, als hätte ich soeben etwas völlig Belangloses erlebt.

 

Bezüglich meines Körpers und meiner schulischen Leistungen war ich meinen Wunschvorstellungen schon sehr nahe gekommen. Was war mit meinem Inneren, mit meiner Psyche geschehen? Oder an dieser Stelle zutreffender gefragt, was war mit meinem Selbstwertgefühl, mit meinem Selbstbewußtsein geschehen? Der Begriff Selbstwertgefühl besagt, daß es sich dabei um eine subjektive, gefühlsmäßige Werteinschätzung handelt. Diese Subjektivität bietet den Spielraum für Fehleinschätzungen in beide Richtungen.

Wer ist nicht schon Typen mit einem peinlich und oft lächerlich wirkenden übersteigerten Selbstbewußtsein begegnet? Dienen diese beabsichtigten beziehungsweise unbewußten Selbstüberschätzungen nicht selten der Kaschierung vermeintlicher oder tatsächlicher Minderwertigkeit. Meiner Erfahrung nach ist  bei Zeitgenossen mit einem demonstrativ überzogenen Auftreten Vorsicht geboten.

Wie oft trifft man auf jene bedauernswerten Kreaturen, deren ihr ganzes Leben hemmende Komplexe und Insuffizienzgefühle in keinem Verhältnis zu ihren wirklich positiven inneren und äußeren Qualitäten und Fähigkeiten stehen. Im Normalfall arbeitet aber das persönliche Ermittlungsverfahren des Eigenwertes so präzise, daß die Zeiger auf der subjektiven und auf der objektiven Bewertungsskala eng beieinander liegen.

Das Selbstwertgefühl ist das Ergebnis permanenter Reflexionen. Dabei betrachte ich meinen Körper, meine Bewegungen, mein Verhalten, Denken und Fühlen ununterbrochen in zahlreichen mich umgebenden Spiegeln. Diese Spiegel und Reflektoren sind  Menschen aus dem unmittelbaren oder weiteren Umfeld. Deren Reaktionen malen ein Bild, dessen Wert deinen Selbstwert bestimmt.

Zugegeben, auch die Betrachtung meines eigenen Bildes im Wandspiegel begeisterte mich zunehmend. Das, was ich dort sah, leistete natürlich ebenfalls einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung meiner Selbstwerteinschätzung. Wie oft ertappte ich mich während meiner abendlichen Spaziergänge entlang der Geschäftsstraßen bei einem großen Interesse für die Schaufenster nicht für deren Auslagen, sondern nur für mein Spiegelbild.

In dieser Phase meiner Hochstimmung über die erzielten Erfolge schien sich mein Selbstbewußtsein auf einem Höhenflug zu befinden. Eine wesentliche Frage stellte sich aber in diesem Entwicklungsabschnitt nicht. War das in der Prägephase der Kindheit gewordene desaströse Selbstbild überhaupt zum Besseren zu verändern? Oder war meine momentane Selbstbegeisterung nicht eher vergleichbar mit einer luxuriösen Neulackierung eines eingerosteten Autowracks? Die Antwort ließ noch Jahre auf sich warten.

 

Im körperlichen Bereich war ich ständig auf der Suche nach wertjustierenden Reflexionen. Im Schul- und Freizeitsport, beim Sportabzeichen, bei kleineren Leichtathletik- und Schwimmwettkämpfen und kurzfristig auch im Fußball lieferte mir der Vergleich zu meinen Konkurrenten und Gegnern vielfach positive Messdaten für die Findung meiner Wertgröße. Die Noten der Klassenarbeiten und vor allem der Zeugnisse, die Anerkennung und das Lob von den Lehrern und nicht zuletzt die bewundernde Zuneigung sowie die respektvolle Achtung von Seiten der Klassenkameraden zeigten mir aufwertende Spiegelbilder.

Diese so attraktiven körperlichen und geistigen Leistungsvergleiche hatten mich in den letzten beiden Jahren aus dem Jammertal – »dick und dumm« – herauskatapultiert auf eine fast berauschende Werteebene mit den Prädikaten – »schlank, sportlich,attraktiv und intelligent«.

 

Ein schöner, schlanker, sportlicher Körper und Intelligenz sind bei weitem nicht die alleinigen Voraussetzungen für einen der edelsten menschlichen Werte, die Beliebtheit.

Die Schönen, Reichen und Klugen sind meist very important persons. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß man diese Vips auch mag.

In den vielen Jahren vor und nach meiner »Wende« habe ich eindrucksvoll im negativen wie im positiven Sinne sozusagen am eigenen Leib erfahren, wie sehr die viel zitierte Chemie zwischen Menschen von deren Begegnungsverhalten bestimmt wird.

Eine ganz wesentliche Voraussetzung für Sympathie ist die Empathie. Im Duden ist nachzulesen, daß man unter Empathie die Bereitschaft und Fähigkeit versteht, sich in die Einstellung anderer Menschen einzufühlen. Eine stabile Plattform für eine beschwingte und heitere sympathische Beziehung wird getragen von den starken Säulen einer nimmermüden empathischen Begegnungs- und Beziehungsstrategie.

In meinem Berufsleben habe ich oft die Beobachtung gemacht, daß das Gefühl der Unterlegenheit oder gar Minderwertigkeitskomplexe kontakthemmend wirken können. Die bei der ersten Begegnung ausgestreckte Hand sollte stets von einem offenen freundlichen Lächeln,von Aufmerksamkeit und Achtung begleitet werden.

In jeder beruflichen, geschäftlichen, freundschaftlichen oder partnerschaftlichen Beziehung gehören Aufrichtigkeit, Aufmerksamkeit, Anerkennung, ehrliche Komplimente und Lob, aber auch Verständnis, Verzeihung und Vergebung zu den wertvollsten strategischen Instrumenten der zwischenmenschlichen Harmonie.

Vor jeder urteilenden und verurteilenden Spontanreaktion sollte ein Warnsignal aufleuchten. Schnellschüsse sind meist unüberlegt. Bevor ich mal soeben über Jemanden wegen seines mir mißfallenden Tuns oder Denkens den so genannten Stab breche oder ihn attakiere, muß ich mir die Zeit für die Frage nach dem »Warum« seines vermeintlichen Vergehens stellen. Wie oft stellt sich dann heraus, daß das, was mir mißfallen hat, weder beabsichtigt und erst recht nicht als Aggression gedacht war, sondern auf Unaufmerksamkeit, Fehleinschätzung oder Unwissenheit beruhte.

Dir tritt zum Beispiel jemand im Gedränge an der Bushaltestelle äußerst schmerzhaft auf die Zehen. »Können Sie nicht aufpassen« giftest du diesen an und trittst ihm heftig vor das Schienbein. Es ist Feindschaft entstanden. Es geht auch anders. Kommt von dir aber ein »au, das hat aber weh getan«, lautet die Antwort »Verzeihung, das war ein Versehen, treten Sie mir doch  mal kräftig gegen das Schienbein.« Daraus könnte Freundschaft werden. Beliebtsein ohne empathische Eigenleistung geht nicht.

 

Der unermüdliche Lerneifer, nein, richtiger, die erfolgsmotivierte Lernfreude belohnten mich schließlich mit einem glänzenden Abitur.

 

An dieser Stelle ein Kuriosum bei meiner Abi–Prüfung.

Meine Vornoten in allen Hauptfächern entsprachen den Zensuren meiner schriftlichen Abiturarbeiten. Das hatte zur Folge, daß ich beim mündlichen Abitur nur in einem Fach, und zwar im Nebenfach Religion, Rede und Antwort stehen mußte. Ich hatte damit gerechnet. Mit meinem Religionslehrer stand ich ein wenig auf Kriegsfuß. Er war auf mich überhaupt nicht gut zu sprechen. Der Grund für diese Feindseligkeit  war meine Teilnahme am evangelischen Religionsunterricht. Daß ich als Katholik einen andersgläubigen Unterricht besuchte, war in den Augen des katholischen Religionslehrers wohl eine Todsünde. Der Grund für mein ökumenisches Interesse war nicht gläubiger, sondern praktischer Natur. Während der Religionsstunde für die evangelischen Schüler hatten die Katholiken frei. Im Gegensatz zu den meisten meiner Klassenkameraden hatte ich vor Ort kein so attraktives Zuhause. Es lohnte sich für mich nicht, für diese Zeitüberbrückung das Zimmer des Kolpinghauses aufzusuchen. Ich blieb also im Klassenzimmer sitzen und war ein gern gesehener Gast im evangelischen Religionsunterricht.

 

Mein katholischer Religionslehrer hatte daraufhin versucht, mich vor der gesamten Klasse wegen meines abtrünnigen Verhaltens abzumahnen und bloßzustellen. Mit meiner Antwort brachte ich aber die Lacher auf meine Seite. »Wer seine Feinde kennt, braucht sie nicht zu fürchten«. Seine verärgerte Reaktion: »Das werden wir ja beim Abitur sehen«. Es bereitete mir damals »höllisches« Vergnügen, das Lieblingslehrbuch unseres Religionslehrers so intensiv zu studieren, daß ich es fast auswendig beherrschte. Was erwartet war, trat ein. In der Prüfung habe ich dann die mir gestellten Fragen mit wörtlich genauen Zitaten aus jenem Buch herunter gebetet. Trotzdem war die einzige nach unten aus dem Rahmen fallende Note im Abiturzeugnis eine Drei in Religion, dem Fach der verzeihenden Nächstenliebe.

Der Tag meiner Geburt – ich höre sie noch heute schwärmen – sei der glücklichste ihres bisherigen Lebens gewesen. Ich hatte meine Mutter aber noch nie so überglücklich erlebt wie in dem Augenblick, als ich ihr mein Abiturzeugnis überreichte. 

 

Meine Phantasie reicht nicht aus, die Worte zu finden, mit denen ich nur annähernd das Ausmaß des Dankes beschreiben könnte, zu dem ich mich ein Leben lang verpflichtet fühlte. Allein schon Riesendank, Anerkennung und Bewunderung dafür, daß sie entgegen dem offensichtlich hochqualifizierten Rat des früheren Schuldirektors ihren vorgegebenen Weg mit mir unbeirrt weiter gegangen ist.

Dank dafür, daß sie dem Wunsch meines Vaters nicht entsprochen hat, der seinen Sohn lieber als späteren Nachfolger in seinem Betrieb gesehen hätte. Meine eigene mit Angst und Lustlosigkeit gepaarte Unfähigkeitsüberzeugung hielt sie erst recht nicht davon ab, meine schulische Weiterentwicklung unbeirrt voranzutreiben. Sie hatte sich nicht von ihrem Lebensziel abbringen lassen, ihre Kinder nach dem Idealbild ihres Großvaters zu formen.

Ohne sie, meine geliebte Mutter, hätte ich die gewaltige Umgestaltung meines körperlichen, geistigen und psychischen Erscheinungsbildes nicht vollziehen können. Ohne sie wäre mein hier Niedergeschriebenes in der Nacht des Nichtgeschehens verblieben.