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Leseprobe: Ich aber habe für dich gebetet
Cover Gebetet
Günter J. Matthia
»Ich aber habe für dich gebetet -
Eine Gebetsreise durch das Neue Testament«

204 Seiten, Preis 14,95 €
ISBN 978-3-930730-47-6
edition TempelBibliothek
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Der Brief an die Epheser

In der Fürbitte für andere Menschen kann man sehr konkret beten – oder eher allgemein bleiben. Ich versuche nach Möglichkeit herauszufinden, für welche ganz speziellen Punkte ich beten kann, wenn ich für jemanden Fürbitte leisten will.

Wenn ich nämlich sagen kann: »Vater im Himmel, beende die finanzielle Not meines Bruders, beschenke ihn mit dem Geld, das er für diese Reparatur benötigt«, dann ist das Gebet zielgerichteter als ein »Herr, segne meinen Bruder.« Wenn ich bete: »Heiliger Geist, bringe die Liebe Gottes spürbar in das Herz meiner Schwester und fülle den Mangel aus, der durch diese Zurückweisung entstanden ist«, dann kann ich (und meine Schwester im Glauben) sehr leicht feststellen, wann das Gebet erhört wurde. Wenn ich allgemein um Segen bitte, wird das etwas schwieriger. Und damit wird auch der Dank schwieriger.

Wenn wir andere bitten, für uns zu beten, dann ist es gut, konkret zu sein. »Denk an mich, mir geht’s so schlecht« bietet wenig Anhaltspunkte für den Betenden. »Ich habe seit drei Tagen eine ständige Übelkeit, die Tag und Nacht anhält« ist schon wesentlich klarer.

Wenn wir um Fürbitte gebeten werden, sollten wir ruhig nachfragen, wo die konkreten Probleme oder Schwierigkeiten liegen. Diese dann im Beisein des anderen im Gebet zu nennen und anzugehen ist sehr hilfreich auch für den eigenen Glauben. Wer weiß, dass sein Gebetspartner konkrete Bitten äußert und gegebenenfalls konkrete Schritte tut, der wird in seinem Glauben und Vertrauen gestärkt.
Paulus erläutert den Ephesern ausführlich, worum er für sie betet:

Deshalb höre auch ich, nachdem ich von eurem Glauben an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen gehört habe, nicht auf, für euch zu danken, und ich gedenke euer in meinen Gebeten, dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und Offenbarung in der Erkenntnis seiner selbst. Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr wisst, was die Hoffnung seiner Berufung, was der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes in den Heiligen und was die überragende Größe seiner Kraft an uns, den Glaubenden, ist, nach der Wirksamkeit der Macht seiner Stärke.

Er erbittet den Geist der Weisheit. Er bittet um Offenbarung Jesu Christi. Er betet für Augen des Herzens, die in der Lage sind, die Hoffnung zu erkennen, den Reichtum, der den Erben Gottes zusteht. Er betet darum, dass sie die Kraft erkennen, die an den Christen wirkt. Der Apostel kennt konkrete Anliegen aus der Gemeinde in Ephesus, und er teilt sie auch mit. Er möchte, dass die Gläubigen wissen, worum er für sie bittet.

Es gibt dieses »Ich denke an dich«, das man manchmal hört, wenn jemand von seinen Sorgen oder Nöten berichtet hat. Das ist nicht konkret. Da klingt fast so etwas wie Scham durch die Formulierung. Trauen wir uns nicht, auszusprechen, dass wir für den Menschen beten? Und was wir vom Herrn für ihn erbitten?

Als Notleidender kann ich jedenfalls mehr damit anfangen, wenn mir jemand sagt, dass er für mein konkretes Anliegen betet, also zum Vater im Himmel damit geht, als wenn er »an mich denkt«.
Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, von dem jede Vaterschaft in den Himmeln und auf Erden benannt wird: er gebe euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen; dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in Liebe gewurzelt und gegründet seid, damit ihr imstande seid, mit allen Heiligen völlig zu erfassen, was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist, und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, damit ihr erfüllt werdet zur ganzen Fülle Gottes. Dem aber, der über alles hinaus zu tun vermag, über die Maßen mehr, als wir erbitten oder erdenken, gemäß der Kraft, die in uns wirkt, ihm sei die Herrlichkeit in der Gemeinde und in Christus Jesus auf alle Geschlechter hin von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Dieses Gebet schreibt Paulus nieder, nachdem er eindringlich dargelegt hat, warum er im Gefängnis ist: Weil er den Nichtjuden das Evangelium bringt.

Zuerst erinnert er daran, wer derjenige ist, vor dem er die Knie für die Epheser beugt. Es ist der vollkommene Vater, der so viel besser ist als jeder menschliche Vater.

Dies erinnert an Jesus, der den Vergleich zwischen menschlicher Vaterschaft und dem Vater im Himmel mehrmals erläutert hat. Der Vater im Himmel ist vollkommen, seine Vaterschaft lässt jede noch so gute menschliche Vaterschaft verblassen.

Dann bittet Paulus diesen vollkommenen Vater, dass die Gemeinde mit Kraft gestärkt werde, und zwar nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit. Das bedeutet doch, dass dieser Reichtum unermesslich und unerschöpflich ist, denn er gehört eben diesem vollkommenen Vater. Die Stärkung geschieht durch den Heiligen Geist an unserem inneren Menschen.

Es gibt Christen, die ihr Leben lang nicht stark werden. Sie taumeln von Krise zu Krise und verstehen nie, dass sie Erben all dessen sind, was dem Vater im Himmel gehört. Sie sind errettete Kinder Gottes, daran gibt es nichts zu zweifeln, aber ihr Glaube wird einfach nicht stark, der Sieg über Umstände und Anfechtungen wird in ihrem Leben nie Realität.

Paulus nennt in diesem Gebet die Lösung. Wenn wir imstande sind, die Liebe Christi zu erfassen, werden wir erfüllt mit der ganzen Fülle Gottes. Und wenn uns die ganze Fülle Gottes ausfüllt, wo bleibt dann noch Platz für Niederlage, Zweifel, Ängste und Sorgen?

Die Liebe Christi, die alle menschliche Erkenntnis übersteigt, wie Paulus hier sagt, können wir nur dann erfahren, wenn wir Christus begegnen. Es wird uns nicht weiterbringen, jeden Sonntag eine Predigt zu hören und jeden Mittwoch im Hausbibelkreis Lieder zu singen. Nichts ist falsch daran, aber um mit der Liebe und Erkenntnis Christi erfüllt zu werden, müssen wir Zeit für die Begegnung mit Gott reservieren, müssen wir uns persönlich mit dem Wort Gottes beschäftigen, müssen wir das Gebet pflegen und dabei lieben lernen.

In dieser persönlichen Liebesbeziehung werden wir dann auch das erleben können, was Paulus in den abschließenden Worten dieses Gebetes anspricht: Gott vermag alles zu tun, und er vermag weit mehr zu tun, als wir uns in unseren Gebeten überhaupt wünschen und vorstellen können.
Nachdem Paulus die Waffenrüstung Gottes erläutert hat, schließt er den Gedankengang ab:
Mit allem Gebet und Flehen betet zu jeder Zeit im Geist, und wachet hierzu in allem Anhalten und Flehen für alle Heiligen und auch für mich, damit mir Rede verliehen werde, wenn ich den Mund öffne, mit Freimütigkeit das Geheimnis des Evangeliums bekanntzumachen - für das ich ein Gesandter in Ketten bin -, damit ich in ihm freimütig rede, wie ich reden soll.

Diese Bitte, mit Freimütigkeit das Evangelium zu reden, hatten wir schon gefunden, als Petrus und Johannes verboten worden war, weiter über Jesus zu sprechen oder in seinem Namen zu lehren. Auch Paulus kennt die Verfolgung um Christi willen – er war selbst einst ein verbissener Verfolger der Gemeinde und schreibt nun als Gefangener. Er hat den gleichen Wunsch nach Freimut trotz Bedrängnis.

Wir können daraus schließen, dass dieses Reden vom Reich Gottes unter Verfolgung selbst einem solch erfahrenen Diener Christi nicht leicht fällt. Paulus ist seiner Freiheit beraubt, als er diesen Brief schreibt, vermutlich in Rom. Er erlebt Verfolgung, weil er nicht schweigen will. Ist das für einen Apostel einfach? Geht das wie von selbst? Ich kann es mir nicht vorstellen, denn Paulus schreibt oft über die Bedrängnis und bittet um Gebete.

Es gibt einen jährlichen „Gebetstag für verfolgte Christen“. Das ist gut und wichtig, aber ich meine, dass es nicht ausreicht. Paulus bittet darum, dass zu jeder Zeit im Geist für dieses Anliegen gebetet wird, und dass dies unter Wachen geschieht. Wache halten – das ist eine Funktion des Schutzes. Der Wächter ist dafür verantwortlich, Angreifer rechtzeitig zu melden. Er ist nicht unbedingt der Soldat, der den Feind zurückwirft, aber wenn der Wächter nicht wacht, wird auch der Soldat nicht ausrücken.

Wir, die wir solche Verfolgung nicht erleben, sollten das Gebet und Flehen für alle Heiligen, die um des Evangeliums willen leiden, ernst nehmen. Wir sollten, sagt Paulus hier, dabei auch im Geist beten. Mit dem Verstand beten wir für die genannten und bekannten Anliegen (in diesem Fall Freimütigkeit), im Geist beten wir für die Anliegen, die wir nicht in Einzelheiten kennen. Gleichzeitig beten wir im Geist auch konkret um die Lösungen, die nur Gott kennt.

Wenn wir beten, weil wir glauben, dass unser Gebet Veränderungen bewirkt, dann sollten wir dabei das Leiden der Christen unserer Zeit in vielen Ländern nicht außer Acht lassen.