Über Thomas Manns »Zauberberg«
Ida Boy-Ed
»Lübeck als Geistesform - Feuilletons«
160 Seiten, Preis: 9,95 €
ISBN 978-3-86672-028-2
Literarische Tradition
in der WFB Verlagsgruppe
»Lübeck als Geistesform - Feuilletons«
160 Seiten, Preis: 9,95 €
ISBN 978-3-86672-028-2
Literarische Tradition
in der WFB Verlagsgruppe
Auch bedeutende Worte verklingen im Gedächtnis
der Hörer. Willkommen zu heißen ist es also, daß Thomas Manns Vortrag
vor diesem Los gesichert und in ein Büchlein eingefangen wurde. Er ward
gehalten am 5. Juni 1926 inmitten hochschwingender Jubiläumsstimmung;
zwischen Entfaltungen, deren Auswirken Zeit haben muß, das Ereignis,
dessen Bedeutung sogleich überzeugte. Vor allem war er von historischem
Gewicht durch den sehr merkwürdigen Augenblick, wo diese Bekenntnisse
zum freistädtischen Bürgertum gesprochen wurden, während der Boden von
den Bemühungen bebte, die eben dies Bürgertum stürzen möchten. Hiervon
noch ohne Kenntnis und ganz unpolitisch hatte sich dem Dichter die
seelische Nötigung aufgedrängt, von dem zu sprechen, was ihm aus dem
Wissen der Geschichte der Hansestadt und ihren einzig möglichen
Lebensbedingungen sicher geworden war: von der Würde und dem geistigen
Gehalt hansischer Bürgerlichkeit. Doch die tiefsten Erkenntnisse
erwachsen den Schöpferischen immer aus ihren eigenen Werken. Diese
psychologische Wahrheit offenbarte sich aus allem, was Thomas Mann von
seinen Dichtungen erzählte. Er sprach von dem erst so mühseligen
buchhändlerischen Weg der »Buddenbrooks«, der dann in steilem Aufstiege
zum Gipfel des Erfolges führte. Er bekannte, in welcher künstlerischen
Unschuld er dem eigenen Werk gegenüberstand, seines
kulturgeschichtlichen Wertes sich noch nicht bewußt. Er bekannte, daß
er von Täuschung über sich selbst befangen war: künstlerisch, indem er
seine Begabung auf die Form der knappen Erzählung gerichtet hielt;
intellektuell, da er seine Verbundenheit mit der Heimat noch nicht in
sich erspürte. Als er sie dann eines Tages begriff, entdeckte er sich
als Lübecker. »Künstlertum ist etwas Symbolisches. Es ist die
Wiederverwirklichung einer ererbten und blutsüberlieferten Existenz auf
anderer Ebene«, sagte er. Vom Eigenwillen des Werkes sprach er, das
ideell schon da ist, aber bei der Verwirklichung dem Autor selbst die
größten Überraschungen bereitet. Das hat wohl jeder, auch der
bescheidener Schaffende, falls er kein Routinier oder Aftertalent ist,
an sich erfahren, daß z.B. der sorgsam aufgebaute Entwurf einer
Romanhandlung sich während der Arbeit eine andere als die geplante
Entwicklung erzwingt. Jedes Werk hat seine geheimen Lebensgesetze in
sich. – Der Vortrag spann Heimatstimmung um verschiedene Schöpfungen
des Dichters. Soweit dabei das in Venedig erfahrene Anklingen an
Hansisches und Heimisches herangezogen ward, um auch die dort spielende
Novelle in die Zusammenhänge hineinzuweben, empfand man einige
Gewaltsamkeit in der Gedankenführung. Daß die »Buddenbrooks« und »Tonio
Kröger« »Wiederverwirklichung« im obigen Sinn sind, weiß jedes Herz,
das dem Dichter entgegenschlägt.
Thomas Mann bekannte sich zum Europäertum und erklärte, weshalb er dem in allen Ländern aufgärenden Nationalismus widerstrebe. Hierin bin ich ganz anderer Meinung. »Ist nicht vielleicht alles, was wir jetzt erleben, der Umweg nach Europa? In welchem Fall die Pflicht nur dringlicher erschiene, die Eigenschaften der Nation streng zu sichten und ihre Werte weiter auszubilden. In einer Amalgamation das edelste Metall zu sein, müßte immer der Wille einer auf ihre Eigenart stolzen Nation bleiben.« (Aus: »Germaine v. Staël« von Boy-Ed.)
Mit der scharfen Eindringlichkeit seiner Selbstbeobachtung gab der Dichter sich zu, daß er dem heimischen Dialekt, dem Nachhall des Plattdeutschen manche Farbe, manchen Klang seiner Sprache verdanke. Dies vom Meister der Sprache zu hören, war offenbarend. Im persönlichen Verkehr habe ich – vielleicht irrtümlich – wohl die Empfindung gehabt, als mache es ihn etwas nervös, scheinbar ausschließlich seine Sprache rühmen zu hören. Aber solches Rühmen schließt doch ganz von selbst die Anerkennung gedanklicher und psychologischer Höchstwerte in sich. Eine solche Sprachkunst wäre unmöglich, hätte ihr Inhalt nicht gleichen Rang. Zu diesem Thema noch zwei Bemerkungen: Über die Kraft, mit der die Mannsche Sprache das eigentliche Wesen der Ironie (die eine tötende, keine belebende Macht ist) in einer Überfülle von scharfen oder zärtlichen, von überlegenen oder lächelnden, von streichelnden oder amüsanten Farben ins Schöpferische umkehrt. Und zum anderen: die keusche Anmut der Darstellung. Diese Anmut, die sich selbst im morbiden Stoff vom »Tod in Venedig« nie verleugnet, ist in unserer Zeit, wo brutale Nacktheit des Wortes und des Geschehens die Leser verdirbt, künstlerische Höhenluft.
Und von Anmut umspielt war auch der Vortrag, in dem literarisch-persönliche Erinnerungen das Grundthema umrankten, eben die Würdigung des hanseatischen Bürgertums und seine Verbundenheit mit ihm. Schon das Goethe-Motto mit den Schlußversen »Wo käm‘ die schönste Bildung her, wenn sie nicht vom Bürger wär‘«, gibt dieses Leitmotiv an. Aus dem Wurzelboden des Bürgertums erwuchs auch Manns berühmtestes Werk, das mehr ist als eines von nur lübeckischem Charakter – als welches ich es, trotz der vielen Lübecker Modelle, nie so recht empfunden habe –, das Werk, das den Familienbürger von ganz Mittel- und Westeuropa lebendig hinstellt. Es gibt neben dem Familienbürger noch einen anderen, der auch sehr wohl in dem ersteren einbeschlossen sein kann. Das vor allem in Deutschland oft verwunderliche Bürgerexemplar, das zugleich der Hauptträger der Kultur und der kleinlichsten Philistrosität ist. Mann bekennt sich in seinem Vortrage zur Mission, diesem Bürger geistige Freiheit zu schenken, die nur möglich ist, wenn sich ihr ein Begreifen künstlerischer Werte zugesellt. Woraus man schließen könnte, daß er hofft, den Bürger dem Schellingschen Ideal von der höchst möglichen Erscheinungsform des Menschen ein wenig anzunähern.
Thomas Mann bekannte sich zum Europäertum und erklärte, weshalb er dem in allen Ländern aufgärenden Nationalismus widerstrebe. Hierin bin ich ganz anderer Meinung. »Ist nicht vielleicht alles, was wir jetzt erleben, der Umweg nach Europa? In welchem Fall die Pflicht nur dringlicher erschiene, die Eigenschaften der Nation streng zu sichten und ihre Werte weiter auszubilden. In einer Amalgamation das edelste Metall zu sein, müßte immer der Wille einer auf ihre Eigenart stolzen Nation bleiben.« (Aus: »Germaine v. Staël« von Boy-Ed.)
Mit der scharfen Eindringlichkeit seiner Selbstbeobachtung gab der Dichter sich zu, daß er dem heimischen Dialekt, dem Nachhall des Plattdeutschen manche Farbe, manchen Klang seiner Sprache verdanke. Dies vom Meister der Sprache zu hören, war offenbarend. Im persönlichen Verkehr habe ich – vielleicht irrtümlich – wohl die Empfindung gehabt, als mache es ihn etwas nervös, scheinbar ausschließlich seine Sprache rühmen zu hören. Aber solches Rühmen schließt doch ganz von selbst die Anerkennung gedanklicher und psychologischer Höchstwerte in sich. Eine solche Sprachkunst wäre unmöglich, hätte ihr Inhalt nicht gleichen Rang. Zu diesem Thema noch zwei Bemerkungen: Über die Kraft, mit der die Mannsche Sprache das eigentliche Wesen der Ironie (die eine tötende, keine belebende Macht ist) in einer Überfülle von scharfen oder zärtlichen, von überlegenen oder lächelnden, von streichelnden oder amüsanten Farben ins Schöpferische umkehrt. Und zum anderen: die keusche Anmut der Darstellung. Diese Anmut, die sich selbst im morbiden Stoff vom »Tod in Venedig« nie verleugnet, ist in unserer Zeit, wo brutale Nacktheit des Wortes und des Geschehens die Leser verdirbt, künstlerische Höhenluft.
Und von Anmut umspielt war auch der Vortrag, in dem literarisch-persönliche Erinnerungen das Grundthema umrankten, eben die Würdigung des hanseatischen Bürgertums und seine Verbundenheit mit ihm. Schon das Goethe-Motto mit den Schlußversen »Wo käm‘ die schönste Bildung her, wenn sie nicht vom Bürger wär‘«, gibt dieses Leitmotiv an. Aus dem Wurzelboden des Bürgertums erwuchs auch Manns berühmtestes Werk, das mehr ist als eines von nur lübeckischem Charakter – als welches ich es, trotz der vielen Lübecker Modelle, nie so recht empfunden habe –, das Werk, das den Familienbürger von ganz Mittel- und Westeuropa lebendig hinstellt. Es gibt neben dem Familienbürger noch einen anderen, der auch sehr wohl in dem ersteren einbeschlossen sein kann. Das vor allem in Deutschland oft verwunderliche Bürgerexemplar, das zugleich der Hauptträger der Kultur und der kleinlichsten Philistrosität ist. Mann bekennt sich in seinem Vortrage zur Mission, diesem Bürger geistige Freiheit zu schenken, die nur möglich ist, wenn sich ihr ein Begreifen künstlerischer Werte zugesellt. Woraus man schließen könnte, daß er hofft, den Bürger dem Schellingschen Ideal von der höchst möglichen Erscheinungsform des Menschen ein wenig anzunähern.
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