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WFB Verlagsgruppe > Literarische Tradition > Börnes Abrechnung
Leseprobe: »Menzel, der Franzosenfresser«
Cover Börne
Ludwig Börne
»Menzel, der Franzosenfresser«
176 Seiten
Preis 12,95 €
ISBN 978-3-930730-43-8
Literarische Tradition
in der WFB Verlagsgruppe


Freunde und Gleichgesinnte machen mir oft Vorwürfe, daß ich so wenig schreibe, für das taubstumme Vaterland so selten das Wort ergreife. Ach! sie glauben, ich schriebe wie die andern, mit Tinte und Worten; aber ich schreibe nicht wie die andern, ich schreibe mit dem Blute meines Herzens und dem Safte meiner Nerven, und ich habe nicht immer den Mut, mir selbst Qual anzutun, und nicht die Kraft, es lange zu ertragen.
Und doch wäre wohlgetan, ihnen wieder einmal um die Ohren zu summen. Wie fest sie schlafen und wie sie lächeln! So schlief Herkules nach seiner letzten großen Tat, so lächelt im Reiche der Träume, wer dort König ist.
Aber was hilft es? Die Sinne kann man wecken, doch wo der Mut schläft, da ist es ein Todesschlaf. Den Geist kann man wecken, daß er denke, aber nicht das stille Herz, daß es schlage; wo es zu schlagen aufgehört, da hat es zu leben aufgehört.
Jene Freunde sagten mir: es täte ihnen allen so leid, daß ich dem Lügenweber Menzel nicht in sein Zeug gefahren und daß ich diesen Franzosenfresser ungestört hätte verdauen lassen. Ich erwiderte ihnen: Menzel ist gerichtet; noch ist er frei, er ist Kontumaz, aber sein Schicksal erwischt ihn endlich. Soll ich sein Häscher sein, die Leiter seines Glückes? Zu so edler Rache ist man nicht alle Tage gestimmt.
Und was könnte ich ihm auch antun! Wie kann man mit Menschen siegreich rechten, die nie aus ihren Monologen heraustreten, die auf unsere Fragen keine Antwort geben, in die Luft antworten auf Fragen, die sie nicht gehört und auf ihre eigene Fragen keine Antwort annehmen? Wie sollte ich Menzel einholen, der, während ich hart auftretend mit langsamen Schritten auf dem Eise der deutschen Angelegenheiten umhergehe, selbst mit Schlittschuhen darüber hinfährt, angstvoll zitternd, er möchte fallen und einbrechen, und wenn er nach Hause gekommen, mit erstarrten roten Fingern seine schwankende Feder führt? Hat denn je Menzel die Rechtlichkeit gehabt, das aus meinen Schriften anzuführen, was er, sei es aus Überzeugung, sei es aus Dienstpflicht, widerlegen und verdammen wollte? Er durfte mich nicht reden lassen, ich weiß es; aber warum sprach er dann von mir? Die Tyrannei hat Mittel, das Schweigen zu erzwingen, aber das Reden nicht. Auch ein edler Mann kann ein Sklave der Verhältnisse werden; wer aber ein Knecht der Verhältnisse wird, das ist kein edler Mann. Menzel ist ein Kotsasse der »Allgemeinen Zeitung«, ein Prokurator der deutschen Bundesregierung. Er hat sich ihr geschenkt, nicht verkauft – es sei. Aber ist Geldbestechung die einzige, die entehrt? Ist das ein braver Mann, der seine Gesinnung gegen ein österreichisch Lächeln, eine preußische Schmeichelei, ein bayrisches Achselklopfen und ein jesuitisches Lob vertauscht? Der Tyrannei zu schmeicheln, um seiner Behaglichkeit, seiner schnöden Ruhe wegen, um das ungestört zu genießen, was man hat – ist das minder schlecht als ihr zu schmeicheln, um zu erlangen, was man nicht hat und haben möchte?

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tl_files/wfb/autor/boerne_ludwig01.jpgDas Kurzporträt

Dank der den Frankfurter Juden gewährten Gleichstellung konnte Börne nach Abschluß des Studiums und der Promotion die Verwaltungslaufbahn einschlagen. 1811 wurde er Polizeiaktuar; doch die Gleichberechtigung währte nur kurze Zeit. Der Wiener Kongreß machte ein Ende mit dieser Errungenschaft. Börne wurde somit 1815 zwangsweise in Pension geschickt. > Weiter >>>

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tl_files/wfb/buch/boerne_menzel.jpgMenzel, der Franzosenfresser

Ursprünglich zählte Börne den Literaturjournalisten Wolfgang Menzel zu seinen Verbündeten im Kampf gegen den Weimarer Erzfeind Johann Wolfgang von Goethe. Menzel schien die gleichen Gründe zu haben. Doch in Wahrheit lehnte er ihn nur aus einem einzigen Grund ab: Goethe war zu sehr Weltbürger, nicht deutschtümelnd oder nationalistisch eingestellt.
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tl_files/wfb/autor/menzel_wolfgang2.jpgLeseprobe: Menzel, der Franzosenfresser

In den Anfangsjahren gehörte der Literaturkritiker Menzel zu den Förderern Börnes. Das änderte sich schlagartig, nachdem Börne - Hauptvertreter des Jungen Deutschland - erkannte, daß Menzel zu den radikalen Reaktionären gehörte. > Weiter <<<

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tl_files/wfb/buch/heine_denkschrift_boerne.jpgZum Buch »Ludwig Börne - Eine Denkschrift« von Heinrich Heine

Es ist keine Biographie, nicht einmal eine Denkschrift, sondern eine essayistische Auseinandersetzung eines Dichters (Heine) mit einem Essayisten, die in vielem gleich dachten und sich doch immer weiter voneinander entfernten. > Weiter <<<
Doch warum wieder die Großen in den Streit der Kleinen mischen? Weil die Großen so klein sind.
Einer meiner Beurteiler, ich glaube Gutzkow, hat mir vorgeworfen, daß ich alles zur Sache der Könige machte; aber wenn, wie in unserem Vaterlande, die Staatsgewalt überall einschreitet, alles betastet, alles wägt, alles schätzt, alles ordnet, ist dann nicht alles Sache der Fürsten? Die Freiheit ist überall oder nirgends, sie braucht kein Asyl oder findet keines. Vergebens sucht ihr in Deutschland ein Lebensverhältnis, eine Wissenschaft, eine Kunst, ein Gewerbe, in welchem ihr zugleich Ruhe und der Ruhe Zuversicht genießet. Ihr müßt immer, nicht bloß vor jeder neuen Täuschung, sondern auch vor jeder neuen Einsicht der Tyrannei zittern. Gibt es noch enge Kreise des Lebens, in welchen ihr unumschränkte Herren geblieben, so ist es bloß, weil eure Gebieter den Berührungspunkt jener Kreise mit ihren eignen noch nicht wahrgenommen. Laßt nur einmal den Zufall es an den Tag bringen, daß sich unter den spanischen Jakobinern ein Mathematiker befinde, und sogleich wird euch der Bundestag die Logarithmen untersagen. Wer hätte vor einigen Wochen noch daran gedacht, daß deutschen Bürgern verboten werden könnte, ihre Kinder Ferdinand, Wilhelm oder Franz zu nennen? Jetzt ist es in Preußen geschehen. Gab es nicht eine Zeit, wo auch Sonne, Mond und Sterne zensiert wurden? Kann nicht wieder einmal ein alter, geistesschwacher und frömmelnder Fürst kommen, der im Namen der Heiligen Schrift der Erde zu stehen befiehlt und diejenigen als Verbrecher in den Kerker wirft, die sie gehen heißen? In Preußen wurde die Wissenschaft, solange sie gefroren war, gepriesen und begünstigt: kaum fing sie aufzutauen und zu fließen an, verfolgte man sie mit Haß und Spott. Man entdeckte, daß ein guter Stil, was er auch behandle, revolutionär sei, und man setzte den Stil unter Polizeiaufsicht. Wie lange wird es dauern, bis man findet, daß jede Philosophie aufrührerisch ist und die Hegelsche am meisten, denn sie spricht das Recht des Bestehenden, das heißt der Stärke, heilig, und dann wird man Förster und Gans und alle andern Apostel unseres Herrn Jesu Hegels in Köpenick einsperren. Gutzkow und seine Freunde waren klüger als ich; sie haben weislich die Sache der Könige von ihren eignen gesondert; sie haben nicht von Politik gesprochen, sondern nur von Philosophie, Religion, Moral und andern unfürstlichen Dingen. Aber was haben sie dabei gewonnen? Was hat es sie genützt, in den Lebensjahren, wo Schwärmerei so schön, der Irrtum so liebenswürdig ist, schon so altklug gewesen zu sein? Hat man nicht sehr bald die blonden Locken unter ihrer grauen Perücke, den frischen Blick hinter ihrer Brille entdeckt? Hat es Gutzkow nicht auch erfahren, daß alles Sache der Könige ist? Man hat ihn ins Gefängnis geworfen, seine Freunde im Lande umhergejagt und allen nicht bloß diesen und jenen Gedanken, sondern das Denken verboten. Hat Gutzkow geahnt, daß auch das Denken Sache der Könige sei?

Wolfgang Menzel
Wolfgang Menzel
Der falsche und der wahre Patriotismus

Soll ich jetzt der Verlockung des Herrn Menzels folgen und mit ihm das alte Lied vom weltstürmenden Korsen in Duett absingen? Ach nein, es ist gar zu langweilig. Nur zu oft habt ihr es gehört, nur zu oft wurde es euch vorgesungen. Doch will ich den weltstürmenden Korsen dazu benutzen, um Herrn Menzel zu zeigen, was der falsche und was der wahre Patriotismus ist und wie sich der Patriotismus der Deutschen von dem der andern Völker unterscheidet. Woher kam es denn, daß das schwache Spanien dem weltstürmenden Korsen gleich am ersten Tage seines Einfalls zurufen durfte: bis hierher und nicht weiter? Wie gelang es den Spaniern, die Franzosen in ihrer Siegesbahn aufzuhalten, während das weit mächtigere deutsche Volk sich zwanzig Jahre lang von ihnen schlagen ließ? Es kam daher, weil die Spanier nicht bloß für ihren König und ihre äußere Unabhängigkeit, sondern zugleich für sich selbst und ihre innere Freiheit die Waffen ergriffen. Es kam daher, weil sie nicht bloß gegen die Tyrannei Napoleons, sondern auch gegen die ihrer eigenen Fürsten kämpften; darum gelang es ihnen. Und als sie ihren König zurückgeführt und dieser sie betrog, wie üblich, da ließen sie sich weder täuschen noch schrecken, da verloren sie nicht den Mut, ergaben sich keiner schnöden Ruhe, sondern sie kämpften fort und fort für ihre Freiheit, und wenn überwältigt, kehrten sie immer von neuem zum Kampfe zurück, und heute haben sie gesiegt für immer. Das ist der wahre Patriotismus. Und damals fand sich kein Schriftsteller unter den Spaniern, der ihnen zugerufen: jetzt habt ihr euren König, jetzt könnt ihr zufrieden sein; verlangt nicht zuviel, am höchsten Maßstab des Ideals darf man nie einen menschlichen Zustand messen; schlaft einen gesunden Pflanzenschlaf, gedeiht im stillen, pausiert gehörig und legt euch ins Kindbett! Es fand sich kein solcher. Und hätte sich ein solcher Tor gefunden, hätten ihn die stolzen Spanier verhöhnt und ihn gefragt: Lengua sin manos, cuemo osas fablar?61

Und darum, weil wir der Gedanken ohne Zunge, der Zunge ohne Hände spotten, darum, weil wir ein Volk bald beweinenswert, bald lächerlich finden, das sich noch dümmer fangen läßt als die Fliegen, die man wenigstens mit Zucker lockt; das sich fangen läßt mit Schmerzen und Bitterkeiten, – darum verhöhnten wir jene tapfern Deutschen, die für ihr Vaterland geblutet, die Geister jener Helden, die für ihr Vaterland gestorben! Wir nicht. Ihr verhöhnt sie, ihr bestochenen Sachwalter, die ihr durch eure Verfälschungen, eure Verdrehungen, eure Ränke, das deutsche Volk um das Erbe betrügen, das ihnen jene gefallenen Helden hinterließen; ihr verhöhnt sie, nichtswürdiges Geschlecht! Nicht wir verhöhnen die Geister jener Helden, wir, die wir im Kerker schmachten, die wir landesflüchtig werden mußten, weil wir der Freiheit treu geblieben, für die jene Helden geblutet; weil wir die Gesinnungen kundgetan, durch die sie einst unsere Fürsten vom Joch Napoleons befreit und sie aus Knechten, die sie waren, wieder zu Herren erhoben. Wir beweinen das edle fruchtlos vergossene Blut jener Helden. Wären sie so weise als tapfer gewesen, so bedenklich, als sie vertrauungsvoll waren, hätten sie die Waffen nicht niedergelegt, bis sie dem Volke die Freiheit gesichert: dann lebten wir im Vaterlande, glücklich und geehrt, und ihr schnöden Helfershelfer der Tyrannei müßtet in der Welt umherirren, bis ihr einen Winkel findet, dunkel genug, eure Schande zu verbergen.

Wie! Jene tapfern Deutschen, die ihr Blut auf dem Schlachtfelde vergossen, hätten mir die Sicherheit erobert, mit der ich in Paris sitze und schreibe und die Geister der gefallenen Helden verhöhne! Die Sicherheit erobert? Nötig gemacht, hätte Herr Menzel sagen sollen. Hätten jene Helden für die Freiheit unseres Vaterlandes gekämpft und nicht bloß für die Freiheit unserer Fürsten, dann brauchten wir keine Sicherheit in einem fremden Lande zu suchen. Und hätten die Franzosen solche bange Sklavenherzen wie die Deutschen, und wäre ihr König so niedrig gesinnt wie die deutschen Könige, dann gewährten sie uns keine Freistätte in ihrem Lande, sondern sie würden uns, mit Ketten belastet, der Rache unserer Feinde ausliefern.

Freilich würde ich mich sehr unglücklich fühlen, müßte ich noch in meiner Vaterstadt als Polizeibeamter Programme zu kaiserlichen Namensfesten schreiben; aber weil zu kaiserlichen. Ob der Kaiser Napoleon hieße, oder Ferdinand, oder Nikolas, das wäre mir alles gleich. Und dennoch wollte ich lieber so schmähliche Programme abschreiben, als meine Hände besudeln, wie jetzt alle deutsche Polizeipräfekten es mit Lust und Liebe tun: mit Entwürfen zu Instruktionen für reisende Kundschafter, mit Zusammenstellen der Berichte hausierender Spione, mit Steckbriefen hinter allen Freunden des Vaterlands, mit Protokollführung über die den gefangenen Patrioten abgemarterte Geständnisse, mit der doppelten Buchhalterei über alles, was in den Wirtshäusern getrunken und gesprochen wurde.62 O tausendmal lieber! Nie war während der französischen Herrschaft die deutsche Polizei so tief in Kot versunken als jetzt; nie wurde ihr so Unmenschliches zugemutet; nie wurde das härteste Verlangen mit solcher freudigen Bereitwilligkeit gewährt; nie während der zehenjährigen Herrschaft der Franzosen wurde bei der Polizei mit solcher schadenfrohen Tücke, mit solcher Unmenschlichkeit und, wo die Tücke aufhört, mit solcher ledernen, tränendichten Schulfuchserei der Amtspflicht verfahren als gleich während dem ersten Jahre der deutschen Herrschaft. Ich muß das wissen, Herr Menzel, ich war auch dabei. Und seitdem ist das ganze deutsche Volk von seiner Ober-Regierung in zwei Klassen abgeteilt worden; in die der Spione und die der Spionierten. Außer ihnen nicht einer mehr. Sei einer brav oder schlecht, Mensch oder Teufel, das kümmert sie nicht; man ist Polizeihund oder Polizeiwild, Hammer oder Amboß.

»Herr Börne ist kein Freund, der deutschen Schulphilosophie, und doch verfährt er ganz wie sie. Er beginnt damit, sein Objekt anders haben zu wollen, als es ist, und da dies nicht gehen will, negiert er es schlechtweg. Aber sowenig wie die Welt anders wird, wenn die Philosophen sie anders machen wollen oder gar negieren, ebensowenig ändert sich das deutsche Volk, mag es Herr Börne in der Wirklichkeit anders machen wollen oder gar in der Idee negieren.

Herr Menzel hofft, es werde mir nie gelingen, das deutsche Volk zu ändern. Aber was berechtigt ihn, mir ein so törichtes Vorhaben anzudichten? Noch keiner hat versucht, ein Volk zu ändern, und nie wäre der Versuch gelungen. Wir wollen das deutsche Volk nicht ändern, wir wollen es aufwecken, denn es schläft. Wir sind seine Fliegen, die ihm um die Ohren summen und im Gesichte herumkitzeln; ich wenigstens glaubte nie mehr zu sein. Zwar schläft das deutsche Volk einen sehr festen Schlaf, – wie wäre ihm auch möglich gewesen, seinen Gelehrten zu widerstehen, die mit ihren Büchern selbst einen österreichischen Vorposten einschläfern könnten; zwar schläft es einen idealen Schlaf, wie ihn Herr Menzel so lyrisch schön besungen, es schläft wie ein Veilchen um Mitternacht, wie ein Kind im Schoße der Mutter; aber wir sind auch unermüdliche Fliegen. Und weckt es unser Stachel nicht auf, so weckt es einst der Donner, und tut es der Donner nicht, so tut es ein Erdbeben. Aufwachen, aber nicht sich ändern. Das verhüte Gott, daß je das edle deutsche Volk sich ändere!

»Herr Börne will uns die Freiheit aus Frankreich bringen. Was für eine Freiheit? Er sagt es uns nicht. Die Republik ohne Zweifel? Aber was für eine Republik? Die Tugendrepublik des seligen Maximilian Robespierre? Herr Börne beobachtet zu viele Schicklichkeit gegen sein eigenes Genie, um sich als Schwärmer für das Tugendmaximum Blößen zu geben. Er ist den Fünfzigen näher als den Zwanzigen. Die Lasterrepublik des neuetablierten jüdischen Hauses Heine und Compagnie? Herr Börne hat sie noch vor wenigen Monaten im Réformateur entrüstet angegriffen, und wenn er sie auch im zweiten Heft der Balance wieder in Schutz nimmt, so tut er es nicht aus Sympathie für die Laster, sondern nur aus Malice gegen Deutschland. In Frankreich tadelt er die Demoralisation, in Deutschland lobt er sie, nicht weil sie die Sitten, sondern weil sie den Staat untergräbt. Alles ist ihm recht, was als ein zerstörendes Element in Deutschland um sich frißt.

Was ist nun aber in allen seinen Negationen das Positive? Was will er für eine Freiheit, wenn er weder die Tugendrepublik, noch die Lasterrepublik und auch nicht die konstitutionelle Monarchie will, die er mit so viel Unrecht auf jede mögliche Weise beschimpft, gegen deren Freunde er die unsäglichste Verachtung blicken läßt?

Er sagt uns nicht, was er gründen will, wenn er alles zerstört haben wird. Er denkt, die Franzosen werden schon dafür sorgen. Man muß nur diesen Bahn brechen in Deutschland, den Deutschen selbst alles Deutsche gehässig, verächtlich, lächerlich, alles Französische wünschenswert machen und den Franzosen alle Mittel und Wege zeigen, wie sie über die Deutschen Meister werden können, erst durch ein schmeichelhaftes Fraternisieren und dann, wenn gehörig vorgearbeitet ist, durch die Invasion.«

Es gab noch keinen diplomatischen Lehrjungen, es gibt keinen einzigen Krautjunker in ganz Deutschland, der nicht einmal über die Tugendrepublik des seligen Herrn von Robespierre gescherzt hätte. Herr Menzel gehe mit seinem seligen Herrn von Robespierre ins Bad Doberan63 und lasse sich präsentieren, oder nach München in den Bocksbierkeller. Dort wird er ohne Zweifel Lachen erregen mit der Tugendrepublik des seligen Herrn von Robespierre; aber mich verschone er damit. Er wird mich nie demütig genug finden, mit fürstlichen Lakaien über die Tugend und Seligkeit Robespierres zu streiten; das faßt kein Bedientenherz.

Herr Menzel meint, ich könne in meinem so reifen Alter doch unmöglich mehr für die Tugendrepublik schwärmen. Die Republik als eine Herrschaft der Tugend geltend zu machen, um sie den Menschen zu verleiden, das ist der alte wohlbekannte Polizeipfiff. Aber die Republik hat nie das Versprechen gewagt, das Laster zu zerstören; sie versprach nur dessen gesetzliche Organisation aufzulösen, ihm seine Erblichkeit, seine angebornen Vorrechte zu entreißen und die geschlossenen Körperschaften zu trennen, die dem Laster eine unbesiegbare Übermacht über die Tugend geben. Die Staatsverfassung keiner Art vermag mehr als das; der Mensch ist älter als der Bürger, der Mensch muß sich bessern, dann folgt ihm der Bürger nach. Und das ist ein anderer Polizeipfiff, die Liebe zur republikanischen Freiheit als eine jugendliche Schwärmerei darzustellen. Die Liebe der Freiheit wohnt aber im Herzen, und das Herz altert nicht. Ich kannte achtzigjährige Republikaner, und ich selbst war bis in mein fünfundvierzigstes Jahr der konstitutionellen Monarchie zugetan.

Anmerkungen:
61 Zunge ohne Hände, wie kannst du nur solche Geschichten erzählen.
62 Auch im Ausland hatten die geflüchteten Gegner der Regierungen keine Ruhe vor der Justiz, da man ihnen Spione nachhetzte.
63 Seebad an der Ostsee.



© Bild W. Menzel (oben): Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus, Mannheim