Renata von Hoessle
Renata von Hoessle

Renata von Hoessle

Geboren am 1. Februar 1979 in Kuwait

  • Biographie
  • Zeichnungen aus: »Lichtrisse«
  • Gedichte aus: »Lichtrisse«
  • Bilder aus: »Kairo«
  • Text aus: »Kairo«

Als Deutsche mit deutsch-bengalisch-estnischen Wurzeln 1979 in Kuwait geboren, wuchs die Künstlerin in Algerien, Bonn und Berlin auf. Schon früh setzte sie sich mit Kunst und Literatur auseinander.


Nach dem Verlassen Algeriens 1988 wurden Sehnsucht und die Suche nach einer idealisierten Heimat zu einem zentralen Thema ihrer frühen Gedichte und das arabische Pferd verankerte sich in ihren Zeichenblöcken.Während ihres Magisterstudiums der Orientalischen Kunstgeschichte, Klassischer Archäologie und Indologie in Bonn verbrachte sie 2 Auslandssemester in Indien, wo die bengalische Künstlerin Angolie Ela Menon zu einem Orientierungspunkt für ihr künstlerisches Schaffen wurde. Parallel studierte sie Freie Kunst an der Freien Akademie Köln und schloß 2008 ein Studium der Bildhauerei in Kairo an. Nach mehreren literarischen Veröffentlichungen wurde 2007 ihr Gedichteband, „Lichtrisse“ in der WFB-Verlagsgruppe publiziert, ein zweites Buch „Eine Nacht in Kairo“ folgte 2011.


Nachdem sie 2009-2010 im Haus der Kunst in München tätig war, lebt und arbeitet die Künstlerin nun in Belgien.

Erinnerung


verletzte Gefühle
erinnern mich
an dich
ein gebrochenes Herz
und tausende
von Thränen ...
was ich mit mir geschehen
ließ
über mich ergehen
ließ
- ich fass es nicht mehr ...
dann denk ich an Dich
und erinnere mich ...

***

Scheue Romantik


Wie soll ich schreiben
was ich mein’
wenn schon mein eigen
Sinn das Sein
der Worte auszutreiben
mir versucht, Schweigen
mir befiehlt ?
Seltsame Gelüste
treiben mich die Wüste
einer Blume voll zu sehen
Die Morgana bleibt bestehen
solange ich fühle
doch manchmal
ist es keine!
und mir bleibt die Wahl
die reine
Wahrheit
oder Lüge
zu erzählen-
zu wählen
ist schwer,
die Rüge
wiegt mehr
als alle Zeit
Aber Was wird
die Welt mir sagen
Kann ich
allein
es wagen
wie ich bin
dieses Sein
zu beweisen
und die leisen
Hauche in Töne
zu verwandeln,
die sie ohne Dämpfer wär’n ?
Ich weiß nicht!
Ich will nicht!
und doch
wird das Joch
der Stille zu schwer

Einleitung: Zamalek – prickelt es auf meiner Zunge

Da es dieses Jahr in Mitteleuropa scheinbar keinen warmen Sommer mehr gibt, schweifen meine Gedanken dorthin, wo die Sonne unaufhörlich brennt und Klimaanlagen durch die Nächte surren.

Gerade habe ich einen Artikel, in dem es sich um die Stadt am Nil dreht, überflogen oder besser gesagt nur die Überschrift – Allein der Klang der fünf Lettern „K A I R O“  in meinem Mund und Rachen jagen mir einen heißkalten Schauer über den Rücken, denn in etwas über einem Monat werde ich meinen fünfmonatigen Arbeits- und Studienaufenthalt in dem Land der Pharaonen antreten. Vor etwa 10 Tagen habe ich die frohe Botschaft erfahren und bin vor Schreck gleich krank geworden.

 

Mein Arbeitsplatz liegt im auf der Nilinsel befindlichen Stadtviertel Zamalek, einer bevorzugten Wohn- und Geschäftsgegend, gepflastert von internationalen Firmenniederlassungen und Botschaften, unter anderem der Deutschen. Hier befinden sich auch einige Quartiere der American University of Cairo (AUC) – der neue Universitäts-Campus befindet sich allerdings in einem Vorort eineinhalb Stunden außerhalb der Stadt.

 

Um ein Zimmer in Zamalek zu finden, haben meine zukünftigen Kollegen mir einen Link zu einer Art Online-Gruppe der  „Cairo-Scholars“ geschickt. Ich möge mich zunächst bei einem Administrator anmelden und  könne dann meine Fragen an die Mitglieder dieser Gruppe schicken.

Von dem Moment der Registrierung in dieser Gruppe finde ich fortan meinen Emailaccount geflutet von emails anderer Cairo-Scholars vor; Fragen an die Allgemeinheit über Arabischunterricht, Kalligraphiekurse, Walkingtreffs und christliche Kirchenparties in Kairo treffen bei mir ein, öffentliche Diskussionsrunden über falsche und richtige  Verhaltensweisen innerhalb der Cairo-Scholars und sogar Hilferufe: „I don’t know where to buy soy milk in Cairo“ werden ungeniert den hunderten Mitgliedern preisgegeben.  Zuletzt gehen dann doch einige wenige an mich gerichtete Mails bei mir ein, im Betreff meine Wohnungssuchanfrage.

Verlockende Mietangebote fliegen mir zu, jeweils für ein möbliertes WG-Zimmer in Zamalek, selbstverständlich mit Klimaanlage, Küchen- und Waschmaschinenmitbenutzung – was für ein Luxus. Ich erinnere mich an mein Praktikum 2003 in Mumbai, wo ich ein Zimmer in der Wohnung einer grimmigen alten Dame gemietet hatte, selbstverständlich ohne Klimaanlage, ohne Küche und leider auch ohne das Recht auf einen eigenen Wohnungsschlüssel – Zu welcher Uhrzeit ich auch nach Hause kommen mochte, die Dame bestand darauf, mir persönlich die Tür zu öffnen, was ihrer Laune allerdings nicht sonderlich zuträglich zu sein schien….

In Kairo hingegen scheinen die Vermieter um einiges zuvorkommender zu sein. Offensichtlich überlassen sie es den Mietern, sich passende Mitbewohner zu suchen und auch gemischte (m/w) WGs werden toleriert - was man von einem muslimischen Land nicht als selbstverständlich annehmen sollte.

Mit zwei potentiellen Mitbewohnern stehe ich bereits in regem Emailkontakt. Der Eine beschrieb mir Zamalek als Oase, wunderbar grün, im Gegensatz zu den anderen Vierteln der Stadt. Eine Thai-Schwedin beantwortete mir die Frage, ob ihre Wohnung denn ruhig gelegen sei, mit: „Quiet- yes, quiet like a graveyard. Only my friends cat Findus makes some noise.“

Wunderbar!! - rauschende Katzenkonzerte sind gewiss nicht das schönste an Kairo, so hoffe ich zumindest.

Zum Bier in einer Kneipe habe ich mich schon verabredet -Heineken wird dort verkauft, so wurde mir berichtet.

Ob es in Kairo allerdings viele öffentliche Orte gibt, an denen Alkohol ausgeschenkt wird, weiß ich nicht, sagt man doch, dass die Ägypter immer religiöser werden.

Ehrlich gesagt habe ich nicht vor, nur die von westlicher Kultur geprägten Gegenden der Stadt zu sehen. Natürlich kann ich nicht erwarten, mich mit derselben Selbstverständlichkeit zu bewegen, wie in Deutschland. Ich sehe anders aus, kleide und bewege mich anders, rieche anders.

Zu gerne liefe ich Inkognito durch die Massen, nur einen Tag lang. Mit einem Arabisch-Chip hinters Ohr geklemmt, beherrschte ich doch zu gerne diese rauchige Sprache, die schmeckt, als ob man zuviel Wüstensand zwischen den Zähnen mit ein wenig Shisharauch vermischt hätte.

In den Wüstenstaaten, so habe ich gehört, schätzt man Poesie sehr hoch. Die Araber sind bekannt für ihre blumige Ausdrucksweise, die reiche Sprache, die mit allen Sinnen riechen, schmecken und fühlen lässt. Vielleicht finde ich die Zeit, mich darein zu vertiefen.


Ich freue mich auf die seidigen Farben und bunten Gerüche des Souk, all die neuen Eindrücke, die auf mich einprasseln werden, wie in Deutschland der Regen. Menschen aus aller Welt werden mir in Kairo begegnen und ich werde versuchen, mich ihrem Leben anzupassen und es verstehen und lieben zu lernen.

Meine Liebsten hier werde ich vermissen, aber ich komme ja wieder – vielleicht sogar um ein kleines bisschen weiser.

Ein Hoch auf die Reiselust!