Rudolf Wolff: Es gibt keine Rettung in der Welt vor der Welt

Gedankensplitter nach der Lektüre

Ich bin am 8. September 1831 zu Eschershausen im Herzogtum Braunschweig geboren worden. Mein Vater war der damalige »Aktuar« am dortigen Amtsgericht, Gustav Karl Maximilian Raabe, und meine Mutter Auguste Johanne Frederike Jeep, die Tochter des weiland Stadtkämmerers Jeep zu Holzminden. Meine Mutter ist es gewesen, die mir das Lesen aus dem Robinson Crusoe unseres alten Landsmanns aus Deensen, Joachim Heinrich Campe, beigebracht hat. Was ich nachher auf Volks- und Bürgerschulen, Gymnasien und auf der Universität an Wissenschaften zu erworben habe, heftet sich alles an den lieben feinen Finger, der mir ums Jahr 1836 herum den Punkt über dem i wies. Im Jahr 1845 starb mein Vater als Justizamtmann zu Stadtoldendorf und zog seine Witwe mit ihren drei Kindern nach Wolfenbüttel, wo ich das Gymnasium bis 1849 besuchte. Wie mich danach unseres Herrgotts Kanzlei, die brave Stadt Magdeburg, davor bewahrte, ein mittelmäßiger Jurist, Schulmeister, Arzt oder gar Pastor zu werden, halte ich für eine Fügung, für welche ich nicht dankbar genug sein kann. Ostern 1854 ging ich nach einem Jahr ernstlicher Vorbereitung nach Berlin, um mir auch »auf Universitäten« noch etwas mehr Ordnung in der Welt Dinge und Angelegenheiten, soweit sie ein so junger Mensch übersehen kann, zu bringen. Im November desselben Jahres begann ich dort in der Spreegasse die »Chronik der Sperlingsgasse« zu schreiben und vollendete sie im folgenden Frühling. Ende September 1856 erblickte das Buch durch den Druck das Tageslicht und hilft mir heute noch neben dem »Hungerpastor« im Erdenhaushalt am meisten mit zum Leben. Denn für die Schriften meiner ersten Schaffensperiode, die bis zu letzterwähnten Buche reicht, habe ich ›Leser‹ gefunden, für den Rest nur ›Liebhaber‹, aber mit denen, wie ich meine, freilich das allervornehmste Publikum, was das deutsche Volk gegenwärtig aufzuweisen hat.

Diese autobiographische Skizze, von Wilhelm Raabe selbst für den »Haidjer«-Kalender 1906 niedergeschrieben, ist die einzige Äußerung des Schriftstellers zu seiner Person. Zu einer von vielen Zeitgenossen geforderten Autobiographie hat sich Raabe niemals durchringen können. Eigentlich schade, denn er hätte viel zu erzählen gehabt.

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In Stuttgart schließlich ist ... »Else von der Tanne« erschienen. Die kleine Novelle unterstreicht einmal mehr, wie folgenreich Raabes Lehr-, Wander- und Studienjahre in Magdeburg und Berlin gewesen sind. Wie schon andere Autoren vor ihm (z. B. Grimmelshausen) und nach ihm (wie z. B. Brecht mit der »Mutter Courage«) thematisiert er in dieser Novelle den Dreißigjährigen Krieg. Und wie es sich für gute belletristische Literatur gehört, war dieser längste und sinnloseste Krieg (Egon Friedell, 1928) der Aufhänger für die Absicht, das menschliche Naturell in extremen Situationen zu schildern.

Knapp ein Jahr vor Erscheinen dieser Novelle beendete er seinen wohl bekanntesten Roman »Der Hungerpastor«, dem er als Motto einen Satz Sophokles‘ voranstellte: »Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da«. Bei »Else von der Tanne« zeigt Raabe, wozu der Haß, fehlendes Verständnis und Rücksichtslosigkeit fähig sind.

Dabei hält er sich mit Vorwürfen an die Bevölkerung des kleinen Ortes Wallrode im Elend weitgehend zurück, erfindet sogar hilfsweise Erklärungen für die Verhaltensmuster. Die Einwohner Wallrodes sind nämlich der Meinung, daß die zugereiste Else und ihr Vater Hexenkult betreiben. Indizien hierfür gibt es aber nicht. Einzig die Tatsachen, daß sich der Pfarrer Friedemann Leutenbacher zu Else und ihrem Vater, dem Schulmeister Konrad, hingezogen fühlt und die neue Behausung, die die Flüchtlinge errichtet haben, nachdem Sie im Wald um das Dorf herum Zuflucht fanden, reichen ihr aus, an Hexentum und Zauberei zu denken.

Nur der Pfarrer hält zu den beiden Geflüchteten, besucht sie regelmäßig und versucht, zwischen den Neuen und der Dorfbevölkerung zu vermitteln. Seine Bemühungen scheinen anfangs Erfolg zu haben, doch mit zunehmender Kriegsdauer verhärten sich die Fronten erneut; schließlich gerät der Pfarrer zwischen die Fronten, so daß er nicht mehr fähig ist, tatsächlich als ausgleichender Vermittler aufzutreten.

Er vermochte auch nicht der Bevölkerung klar zu machen, daß das Schicksal des Schulmeisters eng mit den Kriegswirren zusammenhängt, hatte er doch bei der Teilzerstörung Magdeburgs Frau und Kinder verloren; allein die sechsjährige Tochter Else war ihm geblieben. Ihr ein neues Zuhause zu bieten, war für ihn Verpflichtung und Auftrag.

Zwölf Jahre hat die vermeintliche Rettung Elses gedauert, dann ereilte sie das Schicksal doch. Die Einwohner des Harzdorfes rotteten sich zusammen: »Man riß Stöcke aus den Hecken und Zäunen, man griff Steine vom Boden auf«, man holte Äxte, Dreschflegel und Mistgabeln. »Geschüttelt vom Wahnsinn der Zeit« bewarf man Else mit Erdklumpen und Steinen, so daß die junge Frau, von einem Stein getroffen, zusammenbrach.

Sechs Monate später, genauer: am Tag, an dem der Pfarrer die Predigt für Weihnachten 1648 fertig hatte, starb Else an den Folgen dieser Verletzungen. Hier erkennen wir eine der Schwachstellen dieser Novelle, denn der Tod Elses von der Tanne ist angesichts der Vorkommnisse vom Pfingsttag kaum nachzuvollziehen. – Ein anderes Problem scheint Raabe bereits bei der Niederschrift erkannt zu haben, denn nicht Else von der Tanne ist die Hauptperson, sondern vielmehr der Pfarrer. Die Überlegung, ihn in den Titel der Novelle einzubinden, ist ein schwacher Versuch, das eigentliche Thema im Titel der Novelle anzusprechen.

Friedemann Leutenbacher ist ein Pfarrer, der einstmals mit großen Idealen an seinen Beruf herangegangen sein muß. Einige Jahre vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges geboren, hat er offenbar wie kaum ein anderer Mensch seines Standes unter der Kriegsherrschaft leiden müssen. Körperliche Mißhandlungen haben ihn auch sichtlich gezeichnet, und bis auf eine Bibel ist ihm praktisch nichts geblieben.

Zu Beginn der Handlung arbeitet der Pfarrer an seiner Weihnachtspredigt, und man darf annehmen, daß es hierbei um eine ganz besondere Predigt gehen wird. Denn obwohl er so schwer vom Krieg gezeichnet wurde, spürt er einen Rest von Mitmenschlichkeit, die er bei seinen Dorfbewohnern so vehemt vermissen mußte.

Während dieser Arbeit erinnert sich der Pfarrer an Erlebnisse und Begebenheiten, die sich letztlich alle um die Zuwanderer, den Magister Konrad und seine Tochter Else, ranken. Angereichert mit historischen Fakten setzt sich somit ein Bild zusammen, mit dessen Hilfe Raabe zu erläutern versucht, weshalb die Dorfbevölkerung auf die beiden Neuankömmlinge in der Gemeinde so ablehnend reagiert. Dies alles geschieht aus der Sicht des Pfarrers, der offenbar dem Krieg seinen Tribut gezollt hat. Ihm fehlt die Kraft, die Dorfbewohner im Zaume zu halten. Ihm fehlt wohl auch das göttliche Urvertrauen, das notwendig gewesen wäre, der Unmenschlichkeit nachhaltig Einhalt zu gebieten.

Die Hinwendung zu Else, die im Verlauf der zwölf Jahre fast einen liebesähnlichen Charakter annimmt, sollte man hierbei nicht überbewerten, verkörpert Else von der Tanne doch den Menschentyp, der idealerweise anzustreben ist: nachsichtig und mitfühlend, beschwichtigend und jederzeit bereit, zur Versöhnung aufzurufen und mit Elan voranzuschreiten. Also alles Eigenschaften, die eigentlich dem Pfarrer gut zu Gesicht stünden, der aber ob seiner Erfahrungen und Erlebnisse hierzu nicht mehr in der Lage zu sein scheint. In dieser Charakterisierung spürt man förmlich die Distanziertheit Raabes zur Theologie – ein Resultat der Lektüre von Feuerbachs Schriften, in denen der Theologe letztlich aufgefordert wird, lediglich als gegenständlicher Psychologe tätig zu werden.

Da ein Pfarrer aber nicht nur ein der Welt zugewandter Psychologe, sondern vielmehr ein über der Welt stehender Vermittler spirituell begründeter Werte und Normen ist, hätte Leutenbacher seine eigentliche Aufgabe erkennen und erfüllen müssen: Den durch den Krieg verrohten Seelen seiner Gemeinde neue Orientierung zu geben. Statt dessen flüchtet er zuerst in die Idylle mit Else und nach ihrem Tod gleichfalls in den Tod. Ein trauriges Eingeständnis theologischen Versagens. Raabes Anliegen scheint demnach darin zu bestehen, die Verrohung der Bevölkerung anzuprangern als auch die Flucht des Pfarrers vor seiner Pflicht als Prediger und Seelsorger. Leutenbacher hat versagt. Deshalb muß Else sterben, und Leutenbacher, der letzten Lebensfreude beraubt, folgt ihr in den Tod.

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Cover Raabe Else

aus:

Wilhelm Raabe
»Else von der Tanne«
Novelle
Illustrationen von Wilhelm Raabe
Mit einem Nachwort von Rudolf Wolff
116 Seiten, Preis 10,95 €
ISBN 978-3-86672-050-3

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