Der Verlag
Aus Bad Schwartau kamen bisher nur
Müsliriegel und die Marmelade, die jeder vom Frühstückstisch her kennt.
Seit kurzem werden hier auch Bücher produziert. Rudolf Wolff, als Autor
von einigen Regalmetern Büchern bekannt, hat im Januar 2005 seinen eigenen
Verlag gegründet.
Der grauhaarige »Jung«unternehmer sitzt Pfeife rauchend und Tee
trinkend an seinem Schreibtisch. Kind und Hunde lärmen im Garten.
Umgeben von Computern und Schreibtischen, wirkt er wie eine Graue
Eminenz, die von ihrem Platz aus alle Fäden in der Hand hält. Um ihn
herum türmen sich Bücher, Manuskripte, Notizen, Coverentwürfe und
Korrekturausdrucke. Hier sieht es wirklich sehr nach Arbeit aus.
Der Slogan der WFB-Verlagsgruppe lautet: »Alles, was uns interessiert«.
Das scheint eine ganze Menge zu sein. Das Spektrum reicht von Goethe
über Börsenratgeber und Biographien bis hin zu christlicher Literatur.
Rudolf Wolff: »Es gibt wirklich viele Dinge, die mich und uns
interessieren. Und ich denke, das kann man auch von unseren Lesern
sagen. Menschen, die sich nur für eine einzige Sache
interessieren, dürften wohl eher in der Minderheit sein.«
Natürlich stellt sich die Frage, ob es nicht sehr mutig ist, in dieser
wirtschaftlich eher schwierigen Zeit ein unternehmerisches Risiko
einzugehen und einen Verlag zu gründen. Aber jeder weiß, daß der alte
Rowohlt dreimal Pleite gegangen ist, ehe sein Verlag in Deutschland ein
Begriff wurde, der aus der Literaturlandschaft nicht mehr wegzudenken
ist.
Aller guten Dinge sind bekanntlich drei. In gewisser Weise ist der
WFB-Verlag auch schon der dritte Verlag, den Rudolf Wolff gegründet
hat. Den ersten gründete er mit 18 Jahren. Damals verdiente er so gut
damit, daß er sich nach kurzer Zeit einen nagelneuen Sportwagen kaufen
konnte. Schnelle Autos stehen für ihn mittlerweile allerdings nicht
mehr auf der persönlichen Wunschliste. Heute hat er höhere Ansprüche:
Er will wirklich gute Bücher machen.
Zur Unternehmensphilosophie seines Verlages befragt, antwortet Wolff:
»Ich gehe davon aus, was mich interessiert, das könnte auch andere
Menschen interessieren. Unser erster Band aus der Edition FinanzWolff (jetzt: WFB-Ratgeber)
ist zum Beispiel ein Leitfaden, den man praktisch jedem Menschen in die
Hand geben kann, der für sein Alter vorsorgen möchte oder durch
Erbschaft zu Geld gekommen ist. Das Buch heißt Geld stinkt nicht. Da
steht alles drin, was man an Grundwissen braucht, um mit Aktien Geld zu
verdienen.«
In der Edition Literarische Tradition ist zuerst der Band Novelle von
Goethe erschienen mit einem wichtigen Anhang zur Entstehungsgeschichte.
Das ist nicht nur aus literaturwissenschaftlicher Perspektive
interessant, sondern, so die Überzeugung des Verlegers, auch heute noch
ein Lesegenuß: »Es ist ein hübsches Bändchen geworden, auch sehr schön
zum Verschenken geeignet, und wir sind hier im Verlag tatsächlich ein
bißchen stolz auf dieses Projekt.«
Vielleicht sein ehrgeizigstes Projekt ist die Edition Profile.
Zielgruppe sind Leser ab 10 Jahren. Geplant sind leicht lesbare, klar
strukturierte Biographien von Menschen, ohne die diese Welt nicht so
wäre, wie sie ist – Persönlichkeiten, die man einfach kennen muß. Bände
über Luther, Schiller, Anne Frank und Goethe sind bereits fest
eingeplant und in Arbeit. Die Bücher sind reich bebildert, da ja
bekanntlich ein Bild mehr sagt als tausend Worte. Nur wer die
Geschichte kennt, kann die Zukunft gestalten. Dieser Gedanke steht
hinter der Edition Profile. Bildungslücken zu schließen, ehe sie
katastrophale Konsequenzen haben können, ist das Programm.
Der erste Band in dieser Reihe sollte eigentlich ab 2008 erscheinen, doch bisher ist die Produktion am Kostendruck gescheitert.
In der Edition TempelBibliothek erschien im Mai 2005 beispielsweise ein
Band mit Predigten von Charles Haddon Spurgeon. Spurgeon war ein
theologischer Autodidakt mit herausragender Bildung und einer
ungewöhnlichen Redegabe, ein Verkünder des Evangeliums, der zu
Lebzeiten (1834 bis 1892) wie heute sehr aktuell ist. Weitere Bände
liegen bereits seit längerem vor: Gebete und Der erste Christ, beide
von Katja Wolff, die auch das Martin Luther-Buch Gegen den
Verarmungswahn sowie das Buch des Pfarrers Blumhardt Sieg gegen die
Hölle ediert und verantwortet hat.
Wie ist Rudolf Wolff auf die Idee gekommen, eine christliche Edition herauszugeben? Ist das überhaupt zeitgemäß?
Rudolf Wolff: »Ich denke: Ja. Sehen Sie sich zum Beispiel nur die
Bücher von Peter Hahne an. Alles Bestseller. Es findet überall eine
schrittweise Rückbesinnung auf unsere europäische Identität statt.
Vielleicht ist das die Konsequenz der allgemeinen Globalisierung.
Europa verstehen und gestalten, das kann nur, wer seine christlichen
Wurzeln kennt. Dazu möchten wir unseren Beitrag leisten.«
Bisher in Deutschland wohl nur wenigen
ein Begriff ist Alexander Lange Kielland. Rudolf Wolff gibt die
Gesamtausgabe seiner Werke heraus. Ein umfangreiches und engagiertes
Projekt. Als »Fontane Norwegens«, dessen Schriften von Thomas Mann auf
der Suche nach Anregungen herangezogen wurden, ist Kielland bei uns
noch relativ unbekannt. Ganz zu Unrecht übrigens. Es ist ein großes
Vergnügen, Bücher aus der »guten alten Zeit« zu lesen, als
Romanschriftsteller noch wirklich erzählen konnten.
Im April 2006 hatte Kielland seinen einhundertsten Todestag. Bis
dahin sollte ein Großteil der auf zehn Bände konzipierten Gesamtausgabe
bereits als Einzelbände erhältlich sein. Literarische Tradition ist im
April 2005 gestartet mit dem Roman Jakob: Die Geschichte eines gewissenlosen
Geschäftemachers, der über Leichen geht, um reich zu werden. Mit nichts
weiter als unersättlicher Geldgier kommt der Bauernsohn vom Lande in
die Stadt. Kurze Zeit später ist er einer der reichsten Männer des
Landes. Wie er das gemacht hat, das ist noch heute spannend zu lesen.
Wer Fragen hat, kann auch gern mailen oder anrufen. Jeden Donnerstag
zwischen 15 und 18 Uhr ist die Leser-Hotline besetzt. Anrufer haben
dann die Möglichkeit, den Autor und Verleger zu sprechen, Fragen zu
stellen oder Anregungen zu geben. Die Nummer ist: 0451/28064–16. Der
persönliche Kontakt zum Leser ist dem Verleger sehr wichtig. Er will
keine Bücher aus und für den Elfenbeinturm machen, sondern seinem
Slogan treu bleiben: Alles, was uns interessiert. Also auch alles, was
seine Leser interessiert.
Wie wird sich die WFB-Verlagsgruppe entwickeln? Rudolf Wolff ist
zuversichtlich. Allerdings räumt er lächelnd ein: »Wer weiß, ob ich
hier noch lange der ›Chef‹ bin. Mein Sohn hat schon angemeldet, daß er
den Verlag übernehmen will, wenn ich alt bin. Er ist ja auch vom Fach,
er hatte zum Beispiel schon eine eigene Schülerzeitung. Allerdings ist
er erst zehn, und ich bin noch kein Rentner.« (Stand: 2005)


