Ein Tag im Leben des Ewald Andermann
I
Es war kurz vor Mitternacht, lau und schwül genug, noch einmal in den Wald oder in die Feldmarken zu fahren, um den Abend in angemessener Form zu beenden, nachdem man schon so gut gegessen, getrunken und einander tief in die Augen gesehen hatte; ein Auto bog langsam in die Straße ein und hielt vor dem Haus der Familie Andermann. Zwei Personen saßen in dem Wagen, und wer in einem der gegenüberliegenden Häuser neugierig am Fenster stand, der konnte sehen, daß die beiden sich angeregt unterhielten.
Der Mann am Steuer legte Barbara, die neben ihm unruhig auf dem Sitz hin und her rutschte, die Hand auf den Arm, als wollte er sie festhalten.
»Schon damals habe ich mir nichts anderes gewünscht. Du hast immer wieder gesagt, ihr seid eine kaputte Ehe, du und dein Ewald. Das waren doch deine eigenen Worte, nicht?«
»Ja, schon, aber ...«
Barbara Andermann druckste herum und wagte kaum, ihren Begleiter anzusehen. Verlegen öffnete sie die Autotür.
»Warte noch ..., bitte ... Babsi, kannst du dir wirklich nach allem, was du mir erzählt hast, vorstellen, ein Leben lang mit diesem Mann, ach, was sag ich, mit dieser Karikatur von einem Mann, mit diesem Trottel zusammenzuleben?«
Barbara zuckte zusammen. »Also, das geht zu weit; so etwas darfst du nicht sagen. Ewald ist kein Trottel«, erwiderte sie beinahe ein wenig entrüstet. »Er ist labil, vielleicht auch ein Kindskopf, der nie wirklich erwachsen geworden ist, aber ein Trottel? Nein«, sagte sie entschieden, »ein Trottel ist Ewald nicht.«
Sie riß sich los und sprang aus dem Auto. Dann beugte sie sich noch einmal in das Wageninnere, bedankte sich rasch für den schönen Abend und schlug die Wagentür energisch zu.
Ohne sich noch einmal umzusehen, ging sie zum Haus. Dieses kurze Stück wollte sie sich nicht begleiten lassen.
Der Mann im Auto fuhr enttäuscht davon. Er hatte sich mehr von Barbara, er hatte sich mehr von dieser Nacht versprochen.
II
Barbara war, obgleich es noch gar nicht spät war, todmüde. Vom Morgen bis zum Spätnachmittag hatte sie sich mit der heillos verworrenen Buchhaltung ihrer Schwiegermutter herumplagen müssen, immer wieder unterbrochen und aus dem Konzept gebracht von ihrer Schwägerin, einer debattierfreudigen Person, die in allen Dingen grundsätzlich anderer Meinung war als sie.
Barbara betrat das Haus und stand kurze Zeit niedergeschlagen, traurig und unschlüssig, was sie jetzt tun sollte, im Flur. Seit ihr Sohn Michael im Krankenhaus lag, verbrachte sie die meisten Abende allein in diesem großen Haus.
Ihr war langweilig. Die zwei Gläser Cognac, die sie im Wohnzimmer hastig getrunken hatte, waren auch nicht dazu angetan, ihre Stimmung zu verbessern, und so sah sie keine andere Möglichkeit, als ins Schlafzimmer und ins Bett zu gehen. Dort lag sie nun und starrte, ganz in Gedanken versunken, an die Decke oder, wenn sie den Kopf nur ein klein wenig zur Seite bewegte, auf das Zifferblatt ihres Weckers, beschäftigt mit der Frage, wann Ewald heute wohl endlich nach Hause käme oder ob ihm am Ende möglicherweise etwas zugestoßen sein könnte, ein Unfall vielleicht oder einer seiner gefährlichen Anfälle, die Barbara, als Folge seiner Selbstversuche, die ihm schon häufig genug schlecht bekommen waren, durchaus für wahrscheinlich hielt.
Wie oft hatte sie ihn gebeten, diese Tests mit seinem eigenen Körper aufzugeben. Doch bisher waren ihre Bitten erfolglos geblieben, ja Ewald steigerte sich sogar noch weiter hinein in seine ebenso ehrgeizigen wie verschrobenen Pläne, Heilungsmöglichkeiten für die Krankheit auszutüfteln, deren Opfer, zu denen auch er zählte, bisher ihr Leiden schicksalsergeben zu erdulden gezwungen waren. Immer wieder hatten seine Experimente Barbara in Angst und Schrecken versetzt. Daß er seit Wochen scheinbarer Vernunft nun wieder einmal Selbstversuche anstellte, machte Barbaras Befürchtungen nur noch quälender.
Endlich hörte sie, wie die Haustür geöffnet wurde; das Knarren der Treppe unter Ewalds Schritten verriet ihr, daß er gleich ins Zimmer käme. Sie löschte das Licht, drehte sich auf die Seite und stellte sich schlafend.
Einen kurzen Moment später betrat Ewald das gemeinsame Schlafzimmer, schlich sich an das Bett, beugte sich über Barbara und flüsterte: »Bist du noch wach, mein Herz?«
Barbara antwortete ihm nicht; sie atmete so tief und regelmäßig, wie es jemandem, der in Wahrheit wach und wütend ist, nur mit einem Höchstmaß an Selbstbeherrschung gelingen kann. Zuerst stellte sie sich schlafend, doch bald spürte sie, wie sie langsam zur Ruhe kam, ihre Augenlider wurden schwerer, und wenige Minuten später schlief sie tatsächlich ein, froh und erleichtert, daß Ewald gesund und unversehrt wieder nach Hause gekommen war.
Von alledem hatte Ewald nichts gemerkt. Ihm war die ruhige Atmung Barbaras so vertraut, daß er sich, arglos wie er war, überhaupt nicht vorstellen konnte, heute nacht hinters Licht geführt worden zu sein.
Da er nicht müde war und eigentlich darauf gehofft hatte, sich kurz vor dem Einschlafen noch ein wenig mit Barbara unterhalten zu können, ihr von seinen abendlichen Erlebnissen zu erzählen und, was ihm besonders wichtig gewesen wäre, über die Fortschritte der Bemühungen, die böse Krankheit zu besiegen, gewissenhaft Bericht zu erstatten, schlich er noch einmal, den Pyjama zusammengerollt im Arm, leise aus dem Schlafzimmer.
Ein wenig enttäuscht, ging er hinunter in die Küche und danach ins Wohnzimmer, wo er sich gemütlich in den einladenden Ohrensessel setzte, in dem es sich so herrlich bequem grübeln und meditieren ließ.
Kaum hatte er sich behaglich in diesem Möbel zurechtgesetzt, löste sich sein Ärger schlagartig auf.
Genaugenommen gab es überhaupt keinen Grund, diesen so erfolgreichen Tag mit einer Mißstimmung ausklingen zu lassen.
Ewalds Leben hatte einen guten Sinn. Nach vielen Verirrungen hatte er in seinem jetzigen Beruf endlich die Erfüllung gefunden. Kein Leidender, niemand, der in seiner Bedrängnis zu ihm gekommen war, ging nach einem eingehenden Gespräch mit ihm als dieselbe geschundene Kreatur wieder heim, als die er gekommen war. Ein zweiter Messias, ein selbstloser Beglücker der Menschheit, dessen Sinnen und Trachten auf das Wohl aller Erdenbürger gerichtet war, wollte er sein; die in ihm erwachten nicht ganz alltäglichen Fähigkeiten und Kenntnisse in den Dienst der Menschheit zu stellen, war für Ewald Freude und Erfüllung zugleich.
In frevelhafter Zerstörungswut korrigierend in das Werk der Natur einzugreifen, brachte Ewald nicht übers Herz. Zwar konnte er nicht verhindern, daß Barbara, störrisch und unbelehrbar, wie sie nun einmal leider war, immer wieder in regelmäßigen Abständen zum lärmenden, stinkenden Motorrasenmäher griff und das Werden und Wachsen im Vorgarten zerstörte, nur weil die Nachbarn ausnahmslos kurzgeschorene Grasflächen, eine vom Menschen gebändigte Natur vor ihren Häusern duldeten und Barbara nicht anders sein, nicht anders wohnen und leben wollte als die anderen, die – welch Graus – ihre Bäumchen am gesunden Wachstum hinderten, indem sie sie jedes Jahr mit der großen Schere zu heckenbildenden Krüppeln zusammenstutzten; Ewald aber hoffte auf die langfristig läuternde Wirkung seines guten Vorbilds. Seine Hoffnung, daß all die gnadenlosen Naturbändiger eines Tages zu Reue, Einsicht und Besserung gelangen würden, tröstete ihn über den Anblick der Verwüstung ringsumher hinweg.
Geduld?und Sanftmut waren die Elemente, aus denen sich zu gleichen Teilen seine Seele zusammensetzte. Gleichbleibend nachsichtig begegnete er seinen Mitmenschen, die er liebevoll manchmal als seine Kinder oder, je nach Laune, Geschwisterchen betrachtete, mochte es ihn auch noch so schmerzen, mitansehen zu müssen, was sie, unwissentlich und verblendet, an Frevel gegen sich selbst und andere begingen.
Barbara war besonders störrisch und uneinsichtig. Trotzig hielt sie an ihren schlechten Gewohnheiten fest, und wider besseres Wissen, das sie von ihm empfangen hatte, fuhr sie unverdrossen fort das zu tun, was er ihr immer wieder mit Engelszungen auszureden versucht hatte.
Rastlos getrieben, eilte sie von einer Hast in die nächste. Zu tief hatten Angst und Gier in ihrem Herzen Wurzeln geschlagen, als daß sie sich in zuversichtlicher Seelenruhe ihres Lebens hätte freuen können, eines Lebens, das sie irrtümlich für eine Pflicht statt ein Vergnügen hielt. Guter Zuversicht aber und erfüllt von einer großen, warmen Liebe zu Barbara, war Ewald bester Hoffnung, daß seine Frau sich eines Tages doch noch zu dem entwickeln könnte, was sie ihrer schicksalhaften Bestimmung gemäß sein sollte, ein starker, zuversichtlicher, vergnügter Mensch nämlich. Seit Jahren warf er nun schon die Saat der Erkenntnis in ihre Seele. Daß die gute Saat auf diesem kargen Acker irgendwann einmal ganz plötzlich doch noch keimen, sprießen, gedeihen und schließlich süße Früchte tragen würde, darauf vertraute er fest.
III
Als Barbara am nächsten Morgen erwachte, sah sie im Halbdunkel des Schlafzimmers das ebenso vertraute wie ärgerliche allmorgendliche Bild. Zusammengerollt wie ein junger Hund, den Kopf auf die gefalteten Hände gebettet, bot Ewald Andermann einen Anblick überirdischer Gelöstheit; sanft lächelnd, schlummerte er einem neuen Tag entgegen, den er genauso zubringen würde wie alle bisherigen Tage, die Gott für ihn hatte werden lassen: sorglos in der unerschütterlichen Gewißheit, daß es das Schicksal gut mit ihm meinte, und darauf vertrauend, jedes Problem werde sich nach einer vorbestimmten Frist ganz ohne sein Zutun in Wohlgefallen auflösen.
Als gäbe es nichts auf der Welt, das ihn hätte verdrießen oder gar beunruhigen können, als sei er ein Vorbote des Goldenen Zeitalters, in dem die Glückseligkeit ihre liebevolle Herrschaft über alle guten Herzen ausübte, lag er da, das schulterlange, an den Schläfen ergrauende Haar in filziger Wirrnis zu einem heillos verworrenen Haarknäuel vereinigt mit dem Bart, der seit Jahren unbeschnitten und seinem freien Wachstum überlassen jedem großen Propheten zur Ehre gereicht hätte.
Übellaunig blinzelte Barbara im Halbdunkel zu ihrem Mann hinüber. Sie verspürte größte Lust, ihn auf eine ausgesucht unsanfte Weise aus dem Schlaf zu schrecken, kübelweise eiskaltes Wasser über ihn auszuschütten, ihn zu schlagen, zu stoßen, zu stechen – aber wie stets, wenn ihr solche absonderlichen Gedanken in den Sinn kamen, verbot sie sich auch diesmal, etwas zu tun, was ihr lediglich Schadenfreude bereitet oder höchstens für einen kleinen Augenblick ein Gefühl der Erleichterung beschert, aber an ihrer Lebenssituation grundsätzlich nichts geändert hätte.
Verlockend erschien ihr auch die gänzlich abwegige Idee, heute im Bett liegenzubleiben und den Tag zu verschlafen. Viel Gutes würde er ohnehin nicht bringen, soviel stand schon fest, bevor er richtig begonnen hatte. Die meisten Peinlichkeiten und Ärgernisse, die zu ertragen Barbara einzig deshalb gezwungen war, weil sie Ewald Andermann geheiratet und durchaus nicht den Wunsch hatte, sich jemals wieder von ihm zu trennen, waren ihr schon so vertraut geworden, daß es sie zumeist kaum noch Überwindung kostete, sich mit ihnen abzufinden.
Doch sie hatte weder ein Recht noch die Absicht, sich über das Leben mit Ewald zu beklagen. Vom ersten Tag an war ihr bewußt gewesen, worauf sie sich mit ihm einließ. Als sie ihn kennengelernt hatte, war er schon ein Tagträumer und Bruder Leichtfuß gewesen. Nach Abschluß seiner Lehre als Hotelkaufmann – Mutter Andermann besaß am Rande der Stadt ein kleines Hotel mit 40 Betten – änderte er unerwartet seine beruflichen Pläne und bewarb sich als Versicherungsvertreter, obwohl die Mutter es lieber gesehen hätte, wenn Ewald zunächst als Mitarbeiter und später als ihr Nachfolger in der Leitung ihres Hauses tätig geworden wäre.
Ewald aber hatte, ohne auch nur ein Sterbenswort davon zu verraten, insgeheim andere Zukunftspläne geschmiedet. Den Job als Versicherungsvertreter betrachtete er dabei als eine Übergangslösung, die er nur so lange auf sich nehmen wollte, bis er von seiner Musik würde leben können. Er komponierte nämlich harmlose, gefällige Liebeslieder, die er am Piano oder zur Gitarre zum Vortrag brachte.
Die Kunst aber hatte sich durchaus unwillig gezeigt, Ewald Andermann zu ernähren; auch wollte es ihm nicht glücken, so viele Policen für Schutz und Sicherheit zu verkaufen, daß er sich, Barbara und den inzwischen auf die Welt gekommenen Säugling Michael davon hätte ernähren können. Doch statt, worum ihn seine Mutter und Barbara eindringlich baten, nun endlich ein geordnetes Leben in diesem oder notfalls auch einem anderen Hotel zu beginnen, hatte er sich lieber als Pfleger in einem Altenheim, Lagerarbeiter, Tanztee-Musikant und Tennislehrer durchgeschlagen.
Das Vakuum, das er so bei seiner Mutter und im Hotel hinterließ, versuchte seither nach Kräften seine ältere Schwester Irene auszufüllen. Ihre Kinder halfen in den Ferien ebenfalls aus; sie sollten beide Hoteliers werden. Doch je emsiger Irene um die Gunst der Mutter buhlte, um so größer wurde mit der Zeit ihre Enttäuschung darüber, daß die Mutter ihren Ewald desto inniger liebte, unterstützte und verhätschelte, je mehr Unfug er trieb und nichts von dem, was er begann, auch ordentlich zuendeführte. Sehr schmerzte es sie, das Erbteil geschmälert zu sehen durch all die regelmäßigen Zuwendungen, die ihr weltfremder, nichtsnutziger Bruder immer wieder von der Mutter erhielt.
Das war natürlich ungerecht. Doch Mutter Andermann, Hotelfrau und guter Geist der Familie, wußte es und hätte niemals ehrlichen Herzens behaupten wollen, daß sie ihre Gunst gerecht verteilte. Außerdem schätzte sie Barbara und vertraute fest darauf, daß es ihrer Schwiegertochter doch einmal gelänge, was ihr selbst nie geglückt war: ihren Sohn zur Vernunft zu bringen.
Barbara fühlte sich angesichts der auf sie einstürzenden Probleme, die mit den Jahren nicht weniger, sondern eigentlich noch mehr geworden waren, ausgelaugt und zunehmend unfähiger, immer mehr und immer wieder neue Ausreden zu erfinden. Sie wollte sich auch nicht an die abscheuliche Notwendigkeit gewöhnen, ewig wie eine gesprungene Schallplatte im Brustton vorgeblicher Überzeugung beteuern zu müssen, woran sie gar nicht mehr glaubte: daß nämlich Ewald sich Mühe gäbe, seine Schulden abzutragen. Allzu gut kannte sie seine Meinung und wußte, daß sein alberner Wahlspruch, Geld sei nur Papier, und es gäbe Wichtigeres im Leben als Papier, ihn keineswegs dazu befähigte, prekäre Situationen zu meistern.
Wann immer Barbara ihm zu verstehen gab, wie ganz und gar anderer Auffassung sie in diesen Dingen war, liebte er es, vor ihren Augen einen Geldschein zu verbrennen, was sie jedesmal aufs Neue aus der Haut fahren ließ. Dann lachte er gutmütig, wies auf die Asche und sagte tröstend: »Da siehst du, was aus Papier wird. Um Staub und Asche macht man sich doch keine Sorgen!«
Nichts fürchtete Barbara so sehr wie die Canossagänge zur Bank oder zur Schwiegermutter, und keine Frage stellte sie sich so ungern wie die: was nur sein würde ohne Ewalds Mutter, die immer wieder zum Scheckheft greifen mußte, wenn Zins und Tilgung fällig wurden. Das bißchen Sicherheit, das die alte Frau Andermann zu geben bereit und in der Lage war, mußte teuer erkauft werden. Wären es nur der offene Hohn und die spitzen Bemerkungen von Ewalds Schwester gewesen, Barbara hätte sich nicht darum geschert, denn überempfindlich zu sein, konnte sie sich schon lange nicht mehr leisten.
Weil Ewald sich für Geld nicht interessierte, war sie es, die all das erledigen mußte, was er für unsäglich banal und ekelhaft materialistisch hielt. Aber die Skepsis seiner Mutter, wenn Barbara sich und der alten Dame einzureden versuchte, es würden nach den sieben – in Wahrheit waren es schon mehr als zwei mal sieben – mageren ganz gewiß unzählige fette Jahre kommen, diese lügenhaften Beteuerungen taten Barbara sehr weh, und sie kamen ihr immer schwerer über die Lippen, je deutlicher wurde, daß sie nur Wunsch waren und vermutlich niemals Wirklichkeit werden würden.Vor einigen Jahren nun hatte Ewald seine wahre Berufung erkannt und den schönen Beruf des Heilpraktikers ergriffen. Seine Praxis war stets mit den neuesten technischen Errungenschaften zur Diagnose und Therapie ausgestattet worden. Ihm fehlte nichts: Kein neues Gerät, das nicht, kaum auf dem Heilmarkt erhältlich, bald schon seinen Platz in Ewald Andermanns Sprechzimmer gefunden hätte. Freilich war es recht kostspielig, immer auf dem neuesten Stand der Technik zu bleiben, aber Mutter Andermann war da, und solange sie für ihn bürgte, bewilligte die Bank ihm großzügige Kredite.
Vielleicht hätte er es dennoch zu Wohlstand und Besitz bringen können – denn seine Patienten verehrten, sie liebten ihn und empfahlen ihn an Freunde und Bekannte weiter –, wenn er nicht ständig bemüht gewesen wäre, neue wohltätige Vereine und Organisationen ausfindig zu machen, die dringend seine Unterstützung, seine finanzielle Beteiligung zur Bewältigung ihrer weltverbessernden Aufgaben benötigten.
»Wenn Papier alles ist, was ihnen fehlt, dann sollen sie es bekommen«, pflegte er unbeirrt zu erklären, wenn Barbara bei Durchsicht der Bankauszüge die Hände über dem Kopf zusammenschlug und weder Ewald noch die Welt mehr verstand. Denn wie hart es war, Geld zu verdienen, konnte er doch unmöglich vergessen haben.
Wie er in seiner besorgniserregenden finanziellen Lage überhaupt noch so ruhig schlafen konnte, war Barbara ein Rätsel, das sie stutzig und ärgerlich zugleich machte, und ihre Verärgerung wuchs, je emsiger die tausend bösen kleinen Zwerge in ihrem Kopf von innen gegen die Schläfen hämmerten. Rasch sprang sie aus dem Bett und riß die Vorhänge auf.
Die ersten Sonnenstrahlen hatten Ewald noch nichts anhaben können. Erst als das Schlafzimmer heller und seine Augen von einem Sonnenstrahl geblendet worden waren, erwachte auch er; verschlafen blinzelte er Barbara an.
»So viel Licht ... guten Morgen, mein Herz. Hast du gut geschlafen?«
Barbara antwortete ihm nicht.
Wohlig gähnend, räkelte und streckte sich Ewald. Er rieb sich die Augen. Der Tag versprach sonnig zu werden, das stimmte ihn fröhlich, und entzückt sah er seiner Frau beim Ankleiden zu. Welches ihrer drei Bäuchlein, die der Größe nach geordnet an ihr festgewachsen waren, welchen Bestandteil dieser wohlgeordneten Dreifaltigkeit er am liebsten hatte, wußte er gar nicht zu entscheiden. Diese Frage umgehend zu klären, verspürte er plötzlich größte Lust. Einladend breitete er die Arme aus.
»Komm doch mal her zu mir, mein Herz. Warum hast du es denn am frühen Morgen schon wieder so eilig?« Er wies auf die Bettkante: »Komm, setz dich her zu mir!«
Übellaunig brummelte Barbara: »Es ist nicht mehr früh. Und überhaupt, was soll der Unsinn!« Darauf wußte ihr Ewald keine Antwort zu geben, und als ihm schließlich doch einfiel, was er seiner Barbara hätte entgegnen können, war sie schon aus dem Schlafzimmer verschwunden.
Seufzend ließ er sich ins Kissen fallen.
Kurze Zeit später hörte er aus der Küche ein appetitanregendes Scheppern und Klappern; er sprang aus dem Bett, warf sich rasch den Bademantel über und lief die Treppe hinab geradewegs in die Küche, wo er Barbara stürmisch umarmte.
Nur mit Mühe konnte sich Barbara seiner festen Umklammerung entwinden: »Da setz dich hin!« brummte sie ihn an und wies herrisch mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf den Küchenstuhl ihr gegenüber. Sie erschrak selbst ein wenig über diesen kurzen, grollenden Befehlston, den man sonst nur ungezogenen kleinen Kindern gegenüber anschlägt, der sich aber, trifft er einen Erwachsenen, beinahe albern ausnimmt und eher Unsicherheit denn Souveränität verrät.
Ewald sah seine Frau verdutzt an. Nicht, daß er wirklich aus tiefster Seele überrascht war. Das konnte man nicht sagen, denn Ewald kannte diese Synthese aus Ton und Gestik bei Barbara und wußte, daß jegliche Diskussion in diesen Momenten schädlich war und eher das Gegenteil von dem bewirkte, was er wollte: Ruhe und Eintracht.
Statt kampfesmutig die Herausforderung zum morgendlichen Streit anzunehmen, den er – auch das wußte er – niemals gewinnen konnte, denn Barbara war stark und bestimmend, in den Dingen des täglichen Lebens von einer entwaffnenden Logik und geradezu erpicht darauf, ihn einfach mundtot zu reden, während er, über jegliches Profane achselzuckend und die Nase rümpfend hinwegstolzierte, am Ende wie ein dummer Schulbub vor ihr stand, weder ein noch aus wußte und nicht begriff, worum es ihr denn eigentlich ging, entschloß Ewald sich, angesichts dieser niederschmetternden Aussichten, den ihm zugewiesenen Platz ohne Widerspruch einzunehmen. Barbaras Einladung zum Gefecht ignorierend, fragte er:
»Hast du einen vergnüglichen Abend gehabt gestern? Liebt er dich noch, dieser Ulrich?«
Barbare nickte.
»Es ist sehr spät geworden, kurz vor drei Uhr hat er mich nach Hause gebracht.«
Rasch machte sie sich an der Kaffeemaschine zu schaffen, denn ohne rot zu werden zu lügen, gelang ihr noch immer nicht. Zu gerne hätte sie jetzt in Ewalds Gesicht nachgeforscht, ob wenigstens ein Fünkchen Eifersucht zu erkennen wäre, aber ihre Angst, ihm direkt in die Augen zu sehen und damit das Risiko einzugehen, durchschaut und bei einer Lüge ertappt zu werden, die er, dessen war sie sicher, schamlos ausnutzen werde, war größer als ihre Neugierde. Doch statt, wie Barbara es nur zu gern gesehen hätte, Unmut, Mißfallen oder vielleicht sogar etwas Ärger zu zeigen, antwortete Ewald in aufrichtiger Herzlichkeit.
»Du,?das?freut?mich?aber?wirklich.?Du?hättest schon viel früher auf mich hören sollen, denn wenn man einen Menschen mehr liebt als zuvor ...«
Gerade das wollte Barbara nicht hören, und obwohl sie mit dieser Reaktion hatte rechnen müssen, war sie für einen kurzen Moment überrascht, bevor sie ihm gereizt ins Wort fiel:
»Jaja. Ich weiß, die universelle Liebe und die Menschheit als Ganzes, als Einheit ...«
»Genau!« unterbrach Ewald sie, »ich wußte doch, daß du es eines Tages verstehen würdest ...«
»Ich kann dein Gefasel ...«
»Wir haben«, fuhr Ewald, den Einwand Barbaras überhaupt nicht zur Kenntnis nehmend, fort, »diesem Ulrich viel zu verdanken, vielleicht sollten wir ihn zum Essen einladen?«
Von diesem Vorschlag war Barbara ebensowenig begeistert wie von dem Verlauf der morgendlichen Auseinandersetzung. Sie spürte, daß ihr der Faden aus den Fingern glitt und Ewald wieder einmal bestrebt war, sie nur zu besänftigen statt sich mit ihren berechtigten Wünschen auseinanderzusetzen. Diese erste Runde hatte er für sich entscheiden können; also murmelte sie ein »Vielleicht«, das ihn in Sicherheit wiegen und ihr die Möglichkeit geben sollte, sich auf die nächste Runde, die sie auf gar keinen Fall erneut verlieren durfte, vorzubereiten.
Schweigend aßen sie ihr Frühstücksbrot.
Ewald, froh über die überraschend eingekehrte Ruhe, mit der er so schnell nicht gerechnet hatte, und glücklich, die brenzlige Situation recht überzeugend gemeistert zu haben, schlürfte seinen heißen, bitteren Kräutertee.
Unfähig, an diesem Morgen Belanglosigkeiten mit Barbara auszutauschen, saß er, abwechselnd Wand, Tasse und das Knäckebrot auf seinem Teller anstarrend, und überlegte angestrengt, was nur vorgefallen sein könne. Denn daß etwas passiert sein mußte, etwas, wovon er nichts wußte und das er sich nicht einmal vorstellen konnte, schien festzustehen. Gerne hätte er Barbara danach befragt, aber er unterließ es, fürchtete er doch, ihre Streitlust könne durch eine Frage oder eine unbedachte Äußerung erneut entfacht werden.
Also verhielt er sich ruhig, nicht ahnend, daß Barbara, die in mürrischer Wortlosigkeit ihm gegenüber saß und das Kännchen Kaffee leerte, nur auf die Gelegenheit wartete, den begonnenen Streit fortzusetzen. Ihr sollte bald die Gelegenheit geboten werden.
Ewald, um Frieden an diesem Morgen bemüht, traute sich nicht, Barbara anzusprechen, mehr noch, er wagte es nicht einmal, sie anzuschauen. Ihm war unwohl, und so beherzigte er seinen für alle Lebenslagen passenden Grundsatz, sich stets schöne Gedanken zu machen, um positive Vibrationen auszusenden.
Gott sei Dank hatte er neben Barbara, die er natürlich behalten wollte, denn er wußte, was er an ihr hatte, noch Susi, seine Susi. Er war sehr froh, daß sie lebte und freundlich war. Dieses sanftmütige, verträumte Wesen, eine Freundin Barbaras, war zwar eine Frau, die nur unter Anstrengungen Zusammenhänge erfassen und Einsichten in komplizierte Sachverhalte gewinnen konnte, doch mit viel Geduld hatte Ewald sie für seine Experimente begeistern können und auf diese Weise allmählich die treueste Anhängerin unter Barbaras Freunden gefunden, denn Susi teilte durchaus nicht Barbaras Ansichten. Das schmeichelte Ewald.
Barbara hingegen konnte seiner Arbeit nur wenig abgewinnen. Sie spöttelte und mokierte sich über seinen Eifer und schien nicht eher Ruhe zu geben, bis sie, ein Zeugnis ihrer jämmerlichen Verbohrtheit, die Lacher auf ihre Seite gebracht hatte.
Es war sicher nicht ihre Absicht, Ewald vor der ganzen Gesellschaft bloßzustellen, ja manchmal wollte es ihm scheinen, als sei sie im Grunde auf Widerspruch aus, wenn sie in geselliger Runde sein Heiligstes in den Schmutz zog, als hoffte sie insgeheim, irgend jemand, den sie vorbehaltlos respektieren konnte, würde sich auf die Seite ihres Mannes schlagen, seine Partei ergreifen und sie endlich von ihrer Skepsis befreien. Doch so etwas geschah nie. Selbst jene Freunde, die Ewald vom Laster der Nikotinsucht befreit oder deren Warzen er fortgesprochen hatte, blieben in ihren Äußerungen zurückhaltend, dachten gar nicht daran, sich zu Ewalds Fürsprechern aufzuwerfen und lachten am lautesten über Barbaras bissigen Spott. Nie wäre es Barbaras Freundinnen in den Sinn gekommen, die Berufe ihrer Männer für fragwürdiges Getue zu halten, obwohl manch eine von ihnen vielleicht einigen Grund dazu gehabt hätte. Susis Jan, der Unteroffizier, Albert vom Finanzamt, Siegfried der Polizist und Erwin, der Bankmann, sie alle wurden geachtet, und niemand dachte auch nur im entferntesten daran, ihnen bei der Ausübung der Arbeit nutzlose Zeitvergeudung zu unterstellen oder sie gar als Taugenichtse zu betrachten, obwohl sie doch nachweislich kaum etwas zur Heilung, Beglückung oder Besserung der Menschheit beitrugen.
Waren sie miteinander allein, dann zeigte Barbara hin und wieder durchaus erste Ansätze der Einsicht, und ließ sie sich auch nicht vollkommen überzeugen, so schloß sie doch in solchen Augenblicken die theoretische Möglichkeit all dessen, was Ewald ihr begreiflich zu machen suchte, nicht gänzlich aus. Kaum aber in Gesellschaft, fiel sie zurück in ihre alte Unbelehrbarkeit und spottete, von den Zuhörern mit dankbarem Gelächter belohnt, über all das, was ihr wenige Tage zuvor durchaus schon einigen Respekt eingeflößt hatte. Diese Probleme hatte Ewald mit Susi nicht. Sie verehrte, sie vergötterte ihn und fand sich – freilich nur, wenn Jan im Manöver war wie jetzt – bereit, Ewald bei seinen Forschungen und Selbstversuchen zur Hand zu gehen.
Im Moment war Susi ihm dabei behilflich, seine Theorien über Ursprung und Heilung der Diabetis zu überprüfen. Ewald war nämlich Diabetiker. Zweimal schon war er mit Blaulicht vom Notarztwagen zur Intensivstation transportiert worden, denn beide Male hatten sich seine Theorien über mögliche Heilungsmethoden der bösen Zuckerkrankheit schon als falsch erwiesen. Noch einmal sollte ihm das nicht geschehen, nahm er sich vor, denn seine dritte Theorie war so einfach und genial, daß sie ihm gewiß eines Tages gegen den erbitterten Widerstand der Schulmediziner den Nobelpreis eintragen würde. Von dem Geld, das er für den Preis bekäme, würde er sich, das stand schon fest, eine hübsche kleine Privatklinik kaufen, genau solch ein Haus, wie seine Mutter es besaß, nur für kranke und schwache Menschen, vielleicht ein wenig kleiner und übersichtlicher. Das war Ewalds Plan.
Mit dieser schönen Vision hatte Ewald die letzten Jahre durchlebt. Gänzlich in Gedanken versunken, Traum und Wirklichkeit kaum noch voneinander trennend, erhellte sich sein Gesicht. Er bemerkte nicht, wie er mit der Zunge gegen den Gaumen stieß, seine Lippen spitzte und hin und wieder leise, wirklich ganz leise schnalzte, als hauchte er seinen Träumen und Erinnerungen einen zärtlichen Kuß auf die Stirn.
Barbara blickte auf. Sie schaute Ewald in die verträumten, einen unendlich fernen Punkt fixierenden Augen, sah den mit einigen Krümeln bedeckten Lippenbart und die unzweideutig zum Kuß geformten Lippen; sie spürte die Glückseligkeit, in der ihr Mann schwebte und die sie beunruhigte.
Das war zuviel, das hatte sie nicht verdient. Dreckskerl, wollte sie ihm entgegenschleudern, ihn anschreien und mit Worten belegen, die ihr so schnell nicht einfielen, aber ihre Stimme versagte. Statt dessen erhob sie sich geräuschvoll und räumte ihr Frühstücksgeschirr ab. Dann befahl sie in bedrohlich ruhigem Ton:
»Ich bin mit der Buchhaltung noch immer nicht fertig. Du mußt heute Michael im Krankenhaus besuchen. Ich habe beim besten Willen keine Zeit.«
»Aber Barbara«, stotterte Ewald, der sich unvermutet in die Gegenwart zurückgeholt sah und zu ahnen begann, daß die Auseinandersetzung fortgesetzt werden würde, »aber Barbara, du weißt doch ...«, fuhr er fort, in der Hoffnung, Barbara umstimmen zu können. Doch sie fiel ihm ins Wort.
»Ich weiß nur, daß Michael im Krankenhaus liegt, weil er sich deinetwegen geprügelt hat. Dabei haben seine Klassenkameraden gar nicht einmal so unrecht mit dem, was sie über dich gesagt haben.« Ewald schüttelte bekümmert den Kopf: »Liebling, jetzt bist du wirklich ungerecht zu mir. Du weißt doch ganz genau, was wir ausgemacht haben.«
Natürlich wußte es Barbara; Ewalds Seitensprünge sollten niemals Thema eines Streits zwischen ihnen sein. Er bezeichnete sie als Therapie gegen jene Krankheit, die er zu besiegen ausgezogen war. Er, der ohnehin vorgab, alle Menschen zu lieben, empfand kein Unrechtsbewußtsein, erzählte ihr stolz von den Erlebnissen und Fortschritten, die er machte, und ahnte nicht einmal, daß er sie mit seiner Offenherzigkeit zutiefst verletzte.
Warum sollte Barbara also Mitleid mit ihm haben? Warum heute, ausgerechnet heute, da ihr schwere Bittgänge bevorstanden?
»Manchmal«, sagte sie harscher und schroffer, als sie es eigentlich wollte, »wäre es mir lieber, du hättest soviel Takt, mich zu belügen. Deine gottverdammte Ehrlichkeit tut vielleicht deinem Gewissen gut – mir aber nicht.«
Sie ging auf Ewald zu, stand, die geballten Fäuste auf den Küchentisch gestemmt, nun neben ihm und fügte, als sie ihren bekümmert dreinschauenden Mann dort sitzen sah, ein wenig sanfter hinzu:
»Ich habe mir übrigens schon vier Kilo abgehungert. Hast du das überhaupt bemerkt?«
Ewald, froh und erleichtert darüber, daß Barbara das Thema gewechselt hatte, strahlte:
»Für mich bist du die schönste Frau, und ich liebe nur dich.«
»Unsinn«, sagte Barbara aufgebracht, »ich weiß sehr wohl, daß andere Frauen schöner sind. Außerdem – was soll dieses Gesäusel?«
Barbara bebte vor Zorn. Nun endlich enthemmt, sprudelten ihr die Vorwürfe von den Lippen, Vorwürfe, die, seit Jahren aufgestaut, wie Peitschenhiebe auf Ewald herniederfielen. Ohnmächtig und entgeistert wagte Ewald nicht, seine Frau in ihrem Redeschwall zu unterbrechen. So entfesselt hatte er sie bisher noch nicht erlebt. Ihre Stimme überschlug sich, und während er den einen Vorwurf gerade zu verarbeiten begann, hagelte auch schon ein neuer Tadel auf ihn herab. Ewald war nicht in der Lage, diese Vielzahl von Rügen aufzunehmen und zu bedenken; er gab es auf; er sehnte das Ende herbei und hoffte, Barbara möge ein Einsehen mit ihm haben und sich wieder beruhigen.
Doch Barbara konnte kein Ende finden. Es störte sie nicht, daß sie übertrieb und in ihrem Zorn Worte sagte, die sie so nicht meinte. Heute und jetzt mußte sie endlich einmal aussprechen, daß ihr Ehemann im Beruf wie als Familienvater ein Versager sei, ein Faulpelz und Narr, der sich zum Gespött der Mitmenschen machte, ein verschwendungssüchtiger Angeber, der seine Familie an den Bettelstab gebracht hätte, wären nicht Mutter Andermann und sie, Barbara, immer wieder bereit gewesen, für ihn einzuspringen, und überhaupt sei er ein nichtsnutziger Casanova, ein Hurenbock eben, einzig und allein auf sein Vergnügen bedacht.
Nun war es ausgesprochen. Barbara fühlte sich erleichtert, endlich all das vorgebracht zu haben, was ihr lange die Seele zugeschnürt hatte. Sie ging zur Tür, drehte sich noch einmal um und befahl: »Vergiß Michael nicht, und ... schönen Gruß an Susi!«
»Aber ...«, wollte Ewald einwenden, doch da war Barbara schon fort.
Den Tränen nah, aufgelöst und zitternd vor Aufregung saß Ewald da, kaum in der Lage, seine Tasse Kräutertee an den Mund zu führen. Er hatte nicht viel von dem begriffen, was Barbara gesagt hatte, er wußte nicht, weshalb sie jetzt, heute, an diesem schönen Morgen aus der Haut gefahren war, doch er fürchtete beinahe, sie könnte all das ernst gemeint haben. Einige Worte waren haftengeblieben, er wiederholte sie in Gedanken und verharrte bei dem »Hurenbock«. Darauf schüttelte er den Kopf und murmelte:
»Nein, ein Hurenbock bin ich nun wirklich nicht. Deswegen hätte Michael sich nicht krankenhausreif prügeln lassen müssen.«
Ewald nippte an seiner Tasse, schüttelte sich, denn der Tee war kalt geworden, und begann, sich wieder zu entspannen. Barbara hatte sich geirrt. Susi war keine Hure, und er war kein Bock, sondern ein Heilpraktiker, der der Menschheit einen großen Dienst zu erweisen beabsichtigte. Aber Michael war ein guter Junge, und darüber freute er sich.
IV
Ewald war stolz wie ein Schneekönig, daß es ihm gelungen war, einen der zahlreichen Vorwürfe Barbaras widerlegt zu haben, waren doch damit alle weiteren Anwürfe als ebenso haltlos entlarvt, so daß Barbaras Argumentation wie ein Kartenhaus im Windhauch zusammenbrach. Er schaute auf seine Uhr und war glücklich, fast noch eine ganze Stunde lang Zeit zu haben, ehe er sich auf den Weg in seine Praxis machen mußte. Daß Michael noch immer im Krankenhaus lag, war in der Tat traurig, und es bekümmerte ihn sehr, seinen lieben Jungen heute aller Voraussicht nach nicht besuchen zu können, weil er sich doch mit Susi verabredet hatte; am Nachmittag wollte sie wieder in seine Praxis kommen, nachdem sie am Vorabend so schöne Fortschritte gemacht und die Stunden harmonisch miteinander verbracht hatten.
Ewald sah erneut auf seine Armbanduhr und überlegte, ob es wohl noch Sinn habe, an seiner Abhandlung, seiner dritten und einzig gültigen Abhandlung über das Wesen, die Ursprünge und Heilung der Diabetis weiterzuarbeiten. Seine Studie, wäre sie erst einmal fertig, würde er Susi widmen müssen, das war er ihr als kleines Dankeschön schuldig, auch auf die Gefahr hin, daß Barbara oder Jan diese unschuldige Geste vielleicht mißdeuten könnten.
Eigentlich war Jan, seinem martialischen Beruf ganz ungemäß, ein ruhiger, verständiger Mann, und Ewald hielt es für durchaus nicht ausgeschlossen, daß Jan sich vernünftigen Erklärungen gegenüber offen zeigen könnte. Die Tatsache, daß seine Susi dazu würde beigetragen haben, die hinterhältige Diabetis zu besiegen, würde ihn eigentlich stolz und glücklich machen müssen, und dann begriffe er auch, daß niemals ein Grund bestanden hatte, argwöhnisch oder gar eifersüchtig zu sein. Denn auch Susi, das hatte sie oft genug betont, vorher und danach, wenn sie sich eine Zigarette anzündete, auch Susi liebte natürlich nur ihren Mann; ihre Gefühle für Ewald entsprangen ausnahmslos freundschaftlicher Fürsorge, und freundschaftliche Gefühle in den Dienst der Forschung und Wissenschaft zu stellen, konnte nicht verwerflich sein, denn Susi glaubte ja aufrichtig an Ewalds Theorien. Er hatte sie von diesem ekelhaften Ziehen in den Schultern befreit; man konnte ihm also vertrauen.
Nachdem er den Küchentisch bis auf seine Teekanne und die Tasse leergeräumt hatte, breitete er seine Aufzeichnungen, acht Seiten waren es schon, vor sich aus und las in ihnen. In der Einleitung hatte er knapp, aber präzise die Sünden und Irrtümer der Schulmedizin umrissen und eindringlich auf die elementare Notwendigkeit einer ganzheitlichen Betrachtungsweise des Menschen, seiner Seele und seiner Krankheiten hingewiesen.
»Der Körper«, stand da von seiner Hand geschrieben, »ist das Sprachrohr der Seele.« Ein großartiger Satz von unendlicher Wahrheit, mußte Ewald sich bei aller Bescheidenheit eingestehen, ein Satz, auf den man stolz sein konnte. »Die Krankheit ist nichts anderes als der stumme Vorwurf der Seele, verdrängte Probleme nun endlich zu lösen.« Zweifellos richtig, aber trotzdem, irgend etwas stimmte an diesem Satz nicht. Ewald überlegte hin und her, was an diesem verflixten Satz nur falsch sein könne, trank darüber mehrere Tassen Kräutertee und mußte schließlich doch kapitulieren. Bei Gelegenheit würde er diesen fehlerhaften Satz ausstreichen und ihn durch einen besseren ersetzen, aber nicht heute, nicht jetzt. So eine Arbeit war eher etwas für trübe, regnerische Tage, und so bot es sich an, ein paar neue Sätze zu schreiben, anstatt den alten wahren, aber falschen Satz zu verbessern.
V
Während Ewald damit beschäftigt war, möglichst recht viele unendlich wahre Sätze an diesem schönen, sonnigen Morgen zu Papier zu bringen, saß Barbara über der Buchhaltung ihrer Schwiegermutter. Ihr Magen knurrte, aber Barbara versuchte, gar nicht darauf zu achten; sie hatte sich vorgenommen, so rasch wie möglich mindestens fünfzehn Kilogramm leichter zu werden. Vielleicht, das war ihre Hoffnung, würde Ewald dann endlich wieder zur Besinnung kommen, vielleicht würden dann seine Verabredungen mit Susi seltener werden, und vielleicht hörten sie irgendwann einmal sogar gänzlich auf.
Susi, davon war Barbara überzeugt, meinte es gewiß nicht böse, und Barbara war weit davon entfernt, ihr Vorwürfe zu machen, denn Susi war ihre beste Freundin und tatsächlich felsenfest davon überzeugt, ausschließlich der Wissenschaft zu dienen. Zwei Tage erst war es her, da hatte Susi sie besucht. Nachdem sie vom Wetter auf ernstere Themen gekommen waren, war Barbara der Kragen geplatzt.
»Dann nimm ihn doch ganz, den Ewald«, hatte sie gebrüllt, »nimm ihn ganz und mach endlich Schluß mit diesen halben Sachen. Du kannst ihn für dich allein haben, ich schenke ihn dir. Aber denk immer daran, er ist ein kranker Mann und steckt bis zum Hals in Schulden!«
Susi aber hatte sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Sanftmütig und geduldig hatte sie in geradezu beängstigender Nachsicht gesäuselt:
»Nein, Barbara, das verstehst du jetzt alles ganz falsch! Sieh mal, der Ewald hat doch diese einleuchtende Theorie, die kennst du doch, die geht so: ebenso wie der Zucker vom Körper nicht angenommen wird, so ist es auch mit der Liebe, denn die ist auch süß. Und jemand, der menschliche Wärme nicht richtig aufnehmen kann, wird zuckerkrank. Also kann die Lösung nur heißen: Das Lieben muß gelernt werden. Und wenn Ewald jetzt bald gesund wird, denk nur, wie viele Menschen wird dein Mann gesund und glücklich machen! Ist das nicht großartig?«
Barbara nickte, und mit einem Rest von Wut, der ihr angesichts dieser Naivität noch geblieben war, fragte sie: »Und Jan? Wenn er davon wüßte? Meinst du, er würde das gutheißen?«
Susi hatte nur mit den Achseln gezuckt.
»Wenn er vom Manöver nach Hause kommt, wird Ewald längst gesund sein. Dann gibt es andere Dinge zu besprechen als die Art und Weise, wie Ewald es geschafft hat.«
Damit war es Susi gelungen, Barbara endgültig die Sprache zu verschlagen.
Weshalb er nicht mit ihrer Hilfe gesund werden konnte, hatte Ewald Barbara haarklein dargelegt. Man müsse, sagte er ihr, beim Nullpunkt beginnen, wenn man etwas von Grund auf erlernen wolle. Mit Barbara sei dies aber unmöglich, weil sie einander schon zu gut kennten und viel zu viel über einander wüßten: »Wir würden uns keine faire Chance geben, weißt du. Ehrliche Chancen geben dir nur Fremde. Susi ist zwar nicht gerade fremd, aber im Prinzip ist sie es eben doch. Wenn ich erst die Liebe, also diese ganz spezielle Liebe, die gesunde eben, du verstehst mich schon, wenn ich die gelernt habe, dann kommt dir das doch auch zugute! Du bekommst dann einen ganz neuen Mann. Und die Zuckerkrankheit wird auch besiegt sein.«
Dagegen hatte Barbara nichts einzuwenden gewußt, obwohl ihr doch sehr unbehaglich zumute gewesen war.
Barbara war gerade damit beschäftigt, Zahlenkolonnen in Reih und Glied zu ordnen, aus dem wilden Gewirr übersichtliche Reihen zu machen, als das Telefon auf ihrem Schreibtisch läutete. Es war Ewald, der ihr, nachdem sie doch so rasch und einsilbig das Haus verlassen hatte, noch einen recht schönen, gesegneten Tag wünschen wollte, bevor er sich auf den Weg in seine Praxis machte.
VI
Jeder, der vom Supermarkt zur Schnellreinigung oder vom Bäcker zum Schlachter ging, kam an dem blanken Messingschild vorbei, auf dem in schlanken Lettern stand: Ewald Andermann, Heilpraktiker.
Für heute vormittag hatte sich Frau Griese angemeldet. Frau Griese litt große Qualen. Der Klopfer mit dem Hämmerchen saß ihr im Magen und plagte sie von morgens bis abends. Das hatte sie bei ihrem ersten Besuch aber gar nicht erst zu erwähnen brauchen. Ewald hatte ihr nur einmal kurz ganz tief in die Augen gesehen und gesagt:
»Frau Griese, Frau Griese ... es ist der Magen, wie ich sehe. Damit werden wir sehr lange zu tun haben.«
Vor Staunen hatte die alte Dame den Mund weit aufgesperrt und völlig benommen gestammelt: »In der Tat ... wie ist es nur möglich ..., daß Sie sofort ... ich wußte doch gleich, bei Ihnen bin ich richtig. Ich war schon ganz verzweifelt, die Ärzte haben mich ausgelacht. Ich habe nämlich den Klopfer im Magen, müssen Sie wissen, aber niemand kann mir helfen.«
Da hatte Ewald ihr die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: »So ist es immer, liebe Frau Griese, man plagt sich, und niemand kann helfen, ja man wird sogar für verrückt erklärt. Erzählen Sie mir vom Klopfer, und dann werden wir sehen, was wir gegen ihn tun können.«
Frau Griese war Ewalds treueste Patientin, und sie hatte schon manch eine leidende Freundin an ihn verwiesen.
Kaum hatte Ewald die Post durchgesehen, da stürmte Frau Griese – früher als vereinbart – in die Praxis: »Herr Andermännchen, Herr Andermännchen, es ist etwas passiert!«
Frau Griese ließ sich auf einen Sessel fallen, nahm ihren Hut vom Kopf, riß den oberen Mantelknopf auf und keuchte.
»Der Klopfer – er ist fort aus dem Magen. Der Tee, den Sie mir verschrieben haben, er hat gewirkt!«
Ewald freute sich; so hatte er es gern. »Aber das ist ja wunderbar!« Er war immer sehr entzückt über alle Heilerfolge, die er erzielte. Ewald strahlte über das ganze Gesicht. Frau Griese aber saß ernst und stumm und zupfte an ihrem Hut.
»Ja«, murmelte sie schließlich, »der Klopfer ist nicht mehr im Magen. Seit gestern abend sitzt er im Darm.«
»Genau, wie ich es erwartet habe«, antwortete Ewald, stand auf und stellte sich vor Frau Griese, »der Klopfer ist auf der Flucht. Aus dem Magen haben wir ihn jetzt vertrieben. Der Rest ist nur noch eine Kleinigkeit.«
»Meinen Sie wirklich?« fragte Frau Griese, Ewald hoffnungsvoll in die Augen blickend.
Ewald setzte sich wieder an seinen Schreibtisch, schrieb ein neues Rezept aus, und als er es ihr reichte, fragte Frau Griese bekümmert: »Ich wollte mich doch unbedingt noch nach Ihrem Jungen erkundigt haben. Ich höre, er ist von halbwüchsigen Rüpeln zusammengeschlagen worden? Ach, Herr Andermännchen, die Jugend ist ja so roh!«
Ewald zuckte mit den Schultern und sagte nur: »Trotzdem haben wir nicht das Recht, den Kopf hängen zu lassen.«
Frau Griese bekam wäßrige Augen.
»Das haben Sie aber schön gesagt.«
Damit schob sie Ewald wie gewohnt das übliche Honorar in die Kitteltasche und ging selig davon.
Bis zur Mittagspause mußte Ewald eine Kettenraucherin, die ihr Laster aufgeben wollte, in die Ohrläppchen akupunktieren, ein paar Warzen besprechen und einen Tee gegen allgemeines Unwohlsein und Weltverdruß verordnen. Um zwölf Uhr sperrte er die Praxis zu, wickelte mitgebrachte Butterbrote aus und widmete sich dem Studium eines ganz neuen naturheilkundlichen Buches, das Susi ihm geschenkt hatte.
Um vier Uhr, seltsamerweise war kein weiterer Patient mehr gekommen, und Ewald hatte das Buch schon fast bis zur Hälfte durchgearbeitet, versperrte er die Praxistür von außen und fuhr ins Krankenhaus zu Michael.
Auf seinen Sohn war Ewald stolz. Michael beherrschte wie er selbst die Kunst des Träumens und Schwelgens in Phantasien: Pilot, Chemiker, Astronaut, Löwendompteur, Bermuda-Dreieck-Forscher, Ballettänzer, ja sogar Computermensch, all das hatte er in seinem kurzen Leben schon werden wollen. Viele dieser Berufswünsche waren zwar, wie er mit großer Enttäuschung hatte feststellen müssen, für ihn unerfüllbar, setzten sie doch das Abitur voraus, und das, davon war Michael fest überzeugt – und nicht nur er, sondern alle, die ihn kannten –, das Abitur würde er niemals schaffen.
Deshalb hatte er vor kurzem beschlossen, von nun an ein Schriftsteller zu sein, denn schreiben konnte er seit fast schon zehn Jahren; ein besonders geplagter und verkannter Schriftsteller war er, der eines Tages, wäre er erst berühmt und umjubelt, seinen Lehrern all das großmütig verzeihen würde, was sie ihm in ihrer geistigen Umnachtung angetan hatten. Am liebsten schrieb Michael haarsträubende Geschichten von fernen Planeten, auf denen finstere Mächte von den Repräsentanten des Guten besiegt wurden. Aber auch traurige Geschichten über die Liebe und andere verzwickte Probleme dachte er sich gelegentlich aus. Zwei Schulhefte, sie waren sein ganzer Stolz, hatte er auf diese Weise schon gefüllt.
Auf der Suche nach seinen Pfeifenreinigern – Michael liebte es, aus ihnen vielarmige Monster und seltsame Kreaturen zu biegen –, hatte Ewald diese Hefte eines Tages unter Michaels Bett gefunden, ein wenig darin geblättert, und er wurde noch stolzer auf seinen Jungen, ja er schloß es nicht aus, daß aus Michael später einmal etwas wirklich Großes werden würde, ein Mensch, der der Menschheit viel mehr Gutes würde tun können als ein gewöhnlicher Nutzmensch, der, den Anweisungen seiner Großmutter gehorchend, das vollbrachte, was sein Vater zu vollbringen weder bereit noch in der Lage gewesen war.
Traurig stimmte Ewald nur, daß die Mitmenschen diese künstlerischen Ambitionen ignorierten und handfest dagegen vorgingen. Symptomatisch schien ihm diese Prügelei, in die Michael auf dem Heimweg von der Schule wohl hineingeraten war, weil seine Klassenkameraden wenig Verständnis für ihren Mitschüler zu zeigen bereit gewesen waren.
Ewald war ratlos. Es gab Augenblicke, nicht viele, aber doch zu viele, und jetzt war wieder einer von ihnen, das spürte er, an denen er furchtbar traurig wurde, aus heiterem Himmel, ganz plötzlich, an denen er alles falsch fand auf der Welt und sich nach etwas sehnte – er wußte bloß nicht, wonach.
Vielleicht war es nur eine Welt ohne böse Zungen, die er sich wünschte, eine Welt ohne das unselige Verlangen der Menschen, über andere Menschen zu richten oder sie dem Spott und der Verachtung anheimzugeben. Ja, glücklich zu preisen wäre, wer in einer Welt lebte, in der es undenkbar wäre, daß einer mit süffisantem Lächeln daherkäme und sagte: »Der kluge Mann macht nur verheiratete Frauen zu seiner Geliebten, denn die Gebundenen können nichts fordern.«
*
Das Krankenhaus lag in einem baumbestandenen, maschendrahtumzäunten Areal. Ewald fand sofort einen Parkplatz und ging über asphaltierte Wege zu der Station, in der Michael lag, verprügelt, mit gebrochenem Nasenbein und einer Gehirnerschütterung. Ich bin schuld, dachte Ewald, und doch kann ich nichts dafür. Aber wenn erst die Liebe über die Krankheit gesiegt haben wird, dann wird es weniger Leid geben. Diese Aussicht tröstete ihn über seine trübseligen Gedanken rasch wieder hinweg.
Michael lag stramm im Bett und starrte angestrengt an die Decke, als Ewald eintrat.
»Weißt du, wovon ich heute nacht geträumt habe?« fragte er seinen Vater, noch ehe dieser die Tür hinter sich schließen und ihn begrüßen konnte. »Von einer großen und einer kleinen Tauschkiste habe ich geträumt.«
Ewald schob einen Stuhl neben Michaels Bett, setzte sich und hörte interessiert zu.
Eifrig berichtete Michael: »Die kleine Tauschkiste stand in einem Laden, wo es Bücher zu kaufen gab. Jeder Kunde durfte irgend etwas Schönes in die Kiste hineinlegen, etwas Kleines natürlich nur, zum Beispiel einen Ohrring oder eine kleine Figur oder eine Glaskugel oder was er sonst an schönen Sachen hatte, die er nicht mehr haben wollte. Und dafür durfte er sich dann etwas anderes aus der Kiste herausnehmen.«
Ewald gefiel der Traum, aber bevor er etwas sagen konnte, erzählte Michael weiter, denn dies sei ja erst die kleine Tauschkiste gewesen. Die große, meinte er, berge ja noch viel kostbarere Sachen. Michael wurde sehr aufgeregt, und sein Vater legte ihm beruhigend die Hand auf die Stirn.
Die große Tauschkiste nämlich, erläuterte Michael, sei gewissermaßen eine Lebens-Zauber-Kiste. Jeder, dem sein Leben nicht mehr gefiele, könne es in die Kiste legen und sich dafür ein anderes aussuchen. »Ist das nicht großartig?« fragte er seinen Vater.
»Ja. Wenn du dein Leben tauschen könntest, wer oder was wärest du dann gerne?«
Michael brauchte gar nicht lange zu überlegen: »Ich wäre gern jeden Tag ein anderer. An einem Tag wäre ich du, am nächsten der Papst, danach ein Eskimo, dann eine Raupe, immer was anderes!«
»Eine Raupe?« fragte Ewald verwundert.
»Ja«, sagte Michael, »warum nicht?« Ewald lachte, denn Michael hatte recht. »Und wenn ich dann irgendwann einmal alles gewesen wäre«, fuhr Michael aufgeregt fort, »dann wüßte ich alles und könnte gegen alle schlechten Sachen etwas tun.« Er wurde unruhiger: »Denk mal, wenn jeder sich immer wieder ein neues Leben aus der Kiste nehmen könnte, dann müßte ja eigentlich niemand mehr wütend oder traurig sein, und jeder könnte jeden verstehen, weil ja jeder jeder sein könnte.«
Ewald war fasziniert. »Vielleicht wird das ja eines Tages möglich sein«, sagte er. Etwas leiser fügte er hinzu: »Oder es ist längst möglich, und wir machen nur keinen Gebrauch davon.«
Ewald war froh, daß er sich heute doch noch die Zeit genommen hatte, seinen Sohn im Krankenhaus zu besuchen. Er fühlte sich, kaum daß er Michael sah und seinen träumerischen Phantasien lauschte, in seine eigene Kindheit zurückversetzt, die er als eine unbeschwerte, fröhliche Kinderzeit in Erinnerung hatte, trotz Hunger und Not der ersten Jahre, an die er sich kaum erinnern konnte. Er wurde richtig traurig, als die Schwester ins Krankenzimmer kam und darauf hinwies, daß die Besuchszeit beendet sei und er seinen Besuch abbrechen müsse. Ewald reichte seinem Sohn die Hand und drückte sie. Dann machte er sich auf den Weg zu Susi, um einen weiteren Schritt zur Beseitigung der Krankheit zu unternehmen. Der Tag verlief eigentlich, wie er ihn vorgesehen hatte. Barbara und der Streit waren vergessen.
VII
Während Ewald den Nachmittag bei seinem Sohn im Krankenhaus verbrachte, bereitete sich Barbara, die noch immer die Arbeiten an der Buchhaltung nicht endgültig abgeschlossen hatte, auf den Besuch bei der Bank vor. In den vergangenen Stunden hatte sie sich wieder beruhigt und wunderte sich nur noch über Ewald, der sich nie die Mühe machte, über das nachzudenken, was sie ihm sagte. Eigentlich hätte er wissen müssen, daß eine kurze, höchstens zwei Stunden währende Unterbrechung ihrer Arbeit keine Katastrophe gewesen wäre. Daß sie Michael nicht besuchen konnte, lag daran, daß sie für den Nachmittag in die Bank bestellt worden war zur Besprechung einiger finanzieller Angelegenheiten.
Barbara verließ das Büro und ging, es waren nur einige Minuten zu laufen, zur Bank.
*
Eberhard Einsiel, schlank, eigentlich sogar hager zu nennen, hatte gerade einen anderen Kunden verabschiedet, als er Barbara in die große Schalterhalle treten sah. Er rückte seine Krawatte zurecht, erhob sich und ging, während er den Sitz des Schlipses noch einmal prüfte und ganz mechanisch den offensichtlich maßgeschneiderten Sakko zuknöpfte, auf Barbara zu.
Herr Einsiel war Kredit-Sachbearbeiter und betreute seit mehreren Jahren die Familie Andermann. Er bewunderte Barbara, und seitdem er wußte, wie übrigens alle hier in der Bank, daß es ratsam war, sich bei auftretenden ernsthaften Problemen in der Kontoführung lieber gleich an Barbara zu wenden, obwohl Ewald Andermann der eigentliche Schuldner war, stieg seine Hochachtung vor dieser Frau, die er heute wieder einmal zu sich hatte bestellen müssen.
»Guten Tag, Frau Andermann«, begrüßte er sie freundlich, um sofort danach im gewohnten Geschäftston fortzufahren, »wir gehen in mein Büro, dort sitzen wir ungestört ... Ich darf vorausgehen!«
Mit ausladenden Schritten durchquerte Herr Einsiel die Halle, und Barbara, die dieses Ritual in den letzten Jahren mehrfach über sich hatte ergehen lassen müssen, mühte sich, ihm zu folgen. Sie spürte die Blicke der anderen Kunden auf sich ruhen und meinte, in den Gesichtern ablesen zu können, daß sie alle wüßten, was ihr in den nächsten Minuten bevorstünde.
Endlich hatten sie das Büro erreicht; Herr Einsiel schloß die Tür; sie setzten sich und ohne weitere Verzögerung begann er.
»Ja, Frau Andermann, es sind neue Probleme aufgetaucht. Ich habe mir die Akten schon einmal zurechtgelegt. Von der Tilgung, liebe Frau Andermann, wollen wir heute gar nicht reden. Das Problem haben wir erst einmal aufgeschoben, Sie werden sich daran erinnern.«
Er unterbrach das Unruhe verbreitende Durchsehen des vor ihm liegenden Ordners und sah Barbara an, die, die Hände demutsvoll gefaltet, aufmerksam zuzuhören schien, obgleich sie doch längst zu wissen meinte, worauf Herr Einsiel hinauswollte.
»Deshalb, Frau Andermann, habe ich Sie nicht gebeten, heute bei mir vorzusprechen«, fuhr er fort; er entnahm dem Ordner mehrere Zettel, überflog sie, schüttelte leicht mit dem Kopf, ordnete sie neu und legte bei dieser Gelegenheit zwei Blätter vor sich hin. »Zum einen ist ihr Gatte wieder einmal mit den Zinsen in Rückstand geraten, ein Versehen, vermute ich?« Er versuchte angestrengt, freundlich und harmlos zu lächeln.
»Um wieviel?« fragte Barbara.
Einsiel nannte den Betrag.»Ich werde das gleich morgen in Ordnung bringen«, versprach Barbara. Sie würde wieder zu Ewalds Mutter gehen müssen, aber damit hatte sie gerechnet.
»Wir bitten darum«, meinte Herr Einsiel. »Das zweite ist diese Überweisung hier.«
Einsiel entnahm dem Ordner eine Zahlungsanweisung und überreichte sie Barbara. Sie erblaßte, als sie die Unterschrift Ewalds erkannte, denn damit hatte sie nicht gerechnet. Ewald hatte nicht von seiner Absicht gesprochen, Einkäufe oder Investitionen in dieser Höhe tätigen zu wollen.
»Dieser ... an die ... Firma Klüver auszuzahlende Betrag, verehrte Frau Andermann, übersteigt ganz erheblich den Rahmen, den wir Anfang des Jahres mit Ihnen und Ihrem Gatten vereinbart hatten. Ich bin nicht befugt, ohne Rücksprache und ohne eine weitergehende Bürgschaftserklärung diese Summe zur Verfügung zu stellen. Ich bedauere, aber Sie werden verstehen ...«
Barbara hatte verstanden.
»Ich werde mich auch darum kümmern und Ihnen die gewünschte Unterschrift morgen nachreichen«, stammelte sie und nahm die Formulare, die Herr Einsiel über den Tisch geschoben hatte; überstürzt verabschiedete sie sich.
*
Matt, müde und abgespannt ging Barbara zurück ins Hotel. Unter diesen neuen Gesichtspunkten war nicht daran zu denken, die Arbeit an der Buchhaltung sofort wieder aufzunehmen. Erst einmal mußte sie zur Ruhe kommen und dann mit ihrer Schwiegermutter sprechen, denn ohne deren neuerliche Hilfe waren diese katastrophalen, sie und ihre Familie belastenden Schwierigkeiten keinesfalls mehr zu bewältigen.
Bereits am Eingang hörte Barbara ihre Schwiegermutter, wie sie beruhigend auf Ewalds Schwester einredete, die an diesem frühen Nachmittag an der Rezeption arbeiten mußte und, soviel konnte Barbara der Unterhaltung entnehmen, nicht rechtzeitig abgelöst worden war. Barbara ging auf die beiden zu und bat Mutter Andermann, sofort mit ihr sprechen zu können.
»Ja, natürlich, ich komme, geh doch schon voraus, ich bin gleich da«, antwortete sie, die am schleppenden Gang Barbaras sofort erkannte, daß ihre Schwiegertochter sich mit schwerwiegenden Problemen trug und ihren Rat, sicherlich sogar ihre Unterstützung dringend benötigte. Zu ihrer Tochter gewandt sagte sie abschließend, »warte noch ein halbes Stündchen, Irene, die Zeit wirst du wohl noch haben«, und schon folgte sie Barbara. Wutschnaubend sah Ewalds Schwester ihr nach, und nur ein Gast, der eine Auskunft von ihr wünschte, hinderte sie daran, darüber zu spekulieren, was ihr jetzt entgehen sollte.
Barbara berichtete indessen ihrer Schwiegermutter, wo sie soeben gewesen und was sie dort erfahren hatte.
»Wieviel?« unterbrach sie die alte Frau Andermann; sie wurde ungeduldig, weil Barbara es sorgsam vermied, die genaue Summe zu nennen.
Barbara hoffte inständig, ihre Schwiegermutter möge heiter und gelassen bleiben und nannte den Betrag.
»Soso«, sagte Ewalds Mutter nach einer kurzen, schweigsamen Pause, »soso, nun, das ist viel Geld. Wir sind, wie du weißt, Barbara, keine ganz armen Leute, und wir werden nicht in den Konkurs gehen wegen Ewalds Albernheiten. Aber so geht es nicht weiter.«
Barbara zuckte die Achseln. »Ich weiß«, sagte sie nur, »ich weiß, aber was soll ich denn nur machen?«
Auf diese Ausrede hatte die alte Dame wohl nur gewartet. Sie brauste auf:» Er hat einen Beruf, einen ordentlichen, einen gelernten Beruf, und wir könnten ihn hier weiß Gott gut gebrauchen. Und was tut dein Mann? Er wirft das Geld aus dem Fenster und hurt in der Weltgeschichte herum. Ich sehe mir das nicht mehr lange mit an. Ich habe dich gewarnt, damals, aber du warst ja so dickköpfig –, aber was soll es; ich war ähnlich und hätte genauso gehandelt«, fügte sie nun wieder etwas ruhiger hinzu, »er ist eben wie sein Vater, es ist zum Gotterbarmen!«
Es klopfte und herein kam Ewalds Schwester, die wohl schon eine Weile vor der Tür gestanden, gelauscht und mitbekommen hatte, worum es in diesem Gespräch zwischen Barbara und Mutter Andermann gegangen war. Sie schloß die Tür und kam eilig auf die beiden am runden Tisch sitzenden Frauen zu. Mit hochrotem Kopf stand sie vor ihnen, und es sprudelte der ganze aufgestaute Zorn aus ihr heraus:
»Geht es schon wieder um Ewald. Dieser nichtsnutzige Kerl von einem Bruder verschleudert noch das ganze Erbe. Wir rackern uns ab, und nichts wird übrig bleiben!«
Sie blickte Barbara giftig an und wandte sich dann an ihre Mutter:
»Mama, es ist ungerecht, daß Ewald laufend unterstützt werden muß. Soll er doch arbeiten, vernünftig arbeiten gehen, wie wir anderen. Ich muß es doch schließlich auch; ich schlage mir den Nachmittag bei dir um die Ohren für ... für einen Hungerlohn. Ernst sagt schon ...«
»Laß deinen Mann aus dem Spiel. Wer hat es euch denn ermöglicht, das Haus zu kaufen, in dem ihr jetzt wohl recht trocken und behaglich lebt? Habe ich nicht auch das Auto für euch gekauft? Muß ich dich an all das erinnern, was ich für dich und deinen Mann getan habe? Also bitte! So, wie du es jetzt darstellst, ist es nun auch wieder nicht.«
»Aber ...«, wollte Ewalds Schwester einwenden.
»Nun ist es aber genug, Irene, er ist doch dein Bruder! Nimm dir ein Beispiel an Barbara, sie trägt ihr Schicksal doch auch mit Fassung.«
»Ich hätte ihn rausgeworfen, längst vor die Tür gesetzt, wenn Ewald mein Mann wäre, damit er endlich einmal gesehen hätte, was er davon hat!«
Barbara wollte antworten, sich und, in den Jahren war es ihr zur Gewohnheit geworden, ihren Mann verteidigen; doch sie kam nicht mehr dazu, denn Mutter Andermann brüllte dazwischen:
»Schluß! Aus! Genug diskutiert!«
Sie stand auf und holte aus dem Schrank eine Flasche Cognac und drei Gläser. Dann schenkte sie ein, und Barbara konnte aufatmen. Nun wurde getrunken, das beruhigte die Gemüter.
Was jetzt kam – es waren stets dieselben alten Geschichten, die der alten Frau Andermann beim Cognac einfielen –, was jetzt kam, war harmlos, und Barbara konnte sich entspannt zurücklehnen und nickend in ihr Glas starren. Die alte Dame stellte erschöpfende Vergleiche an zwischen Irenes und Ewalds Vater; der eine ein hartgesottener Geschäftsmann, dem das Leben übel mitgespielt, der andere ein liebenswerter Träumer, den sie vorsichtshalber gar nicht erst geheiratet hatte, beide auf ihre Weise gescheitert und gebrochen, beide auf ihre Weise liebenswert. Barbara und Irene taten, was von ihnen erwartet wurde: sie schwiegen zustimmend.
Als die Flasche endlich geleert war und Mutter Andermann ihren Vorrat an familienhistorischen Betrachtungen erschöpft hatte, beeilte Barbara sich, der Schwiegermutter die mitgebrachten Dokumente zur Unterschrift vorzulegen. Irene wies empört auf die Papiere und zischte: »Aber du wirst doch wohl nicht ...«
Gereizt griff die Mutter zum Kugelschreiber: »Sehr richtig, meine Liebe! Ich werde mir doch wohl nicht von meiner eigenen Tochter vorschreiben lassen, was ich zu tun und zu lassen habe.«
Irene schnappte nach Luft. An Barbara gewandt, fuhr Frau Andermann fort: »Und dir will ich sagen: Dein Mann taugt nichts. Und mir selbst muß ich sagen: ich kann auch nicht viel taugen, weil ich diesen furchtbaren Taugenichts liebe. Gute Nacht, ihr beiden.« Damit schob sie ihre Besucherinnen zur Tür.
Schweigend stiegen sie miteinander die Treppe hinab, wortlos verließen sie das Hotel. Barbara wollte sich mit einem kurzen Gruß von Irene verabschieden, doch ihre Schwägerin hielt sie am Ärmel fest. Ihre Augen waren zu funkelnden Schlitzen verengt, als sie mit gespielter Herzlichkeit in der Stimme mitleidig raunte: »Ich gebe dir einen guten Rat. Ich bin Ewalds Schwester, und ich kenne ihn. Im Guten erreichst du bei Ewald gar nichts. Mit Vernunft und freundlichem Zureden ist bei ihm nichts zu machen. Versuch es doch mal auf eine andere Weise!«
Verwundert sah Barbara ihre nicht mehr ganz nüchterne Schwägerin an. »Was soll ich denn deiner Meinung nach tun?«
»Ganz einfach«, meinte Irene, »wirf ihn hinaus. Wenn er auf der Straße steht, kein Dach über dem Kopf hat und vor verschlossener Tür steht, wird er zur Besinnung kommen. Verlaß dich darauf und denk an meine Worte!«
»Ach«, winkte Barbara mit einer verächtlichen Handbewegung ab. Grußlos ging sie davon.
Irene sah ihr lange nach.
Barbara scherte sich nicht um Irenes bösartiges Gerede. Ihre Laune verbesserte sich mit jedem Schritt. Die Dokumente waren unterschrieben, die Katastrophe noch einmal abgewendet, und alles war in bester Ordnung. Sie wollte sich jetzt gleich mit Ewald noch einmal zusammensetzen und sich aussprechen.
*
Ein lustiges Lied summend, schlenderte Barbara die Straße hinunter.
Als Barbara nach Hause kam und in den dunklen Hausflur trat, wußte sie, daß Ewald nicht zu Hause war. Barbaras angeheiterte Stimmung schlug um in Weinerlichkeit. Sie biß die Zähne zusammen und stürmte ins Schlafzimmer. Damit hatte sie, nach allem, was heute vorgefallen war, nicht gerechnet. Ihr fiel das Gespräch mit Irene ein. Sie konnte ihre Schwägerin zwar nicht besonders gut leiden, aber vermutlich hatte sie doch recht. Barbara fand plötzlich alles sehr vernünftig, was Irene ihr geraten hatte. Es mußte etwas geschehen, eine Tat getan werden, soviel stand für sie nun fest. Mit Worten war bei Ewald offenbar nichts auszurichten.
Rasch holte sie zwei Koffer vom Dachboden, und im Handumdrehen hatte sie Ewalds Schrank ausgeräumt. Die gepackten Koffer schleppte sie nach unten und stellte sie vor die Tür. Dann schloß sie die Haustür zweimal ab und ließ den Schlüssel im Schloß stecken. »Soll er doch sehen, wo er bleibt«, brummte sie und legte sich schlafen.
*
Barbara hatte nur einen leichten Schlaf. Irgend etwas klackerte gegen die Fensterscheibe. Sie rieb sich die Augen, sah auf die Uhr und zog sich den Bademantel an. Langsam ging sie zum Fenster. Unten vor dem Haus erkannte sie die schemenhaften Umrisse Ewalds, der kleine Kieselsteinchen gegen die Fensterscheibe warf.
Barbara schaltete das Licht ein, ging hinunter und öffnete die Tür.
Mit Tränen in den Augen trug Ewald die Koffer in den Hausflur. Er sagte kein einziges Wort. Als er ins Schlafzimmer kam, atmete Barbara so regelmäßig und tief, wie man es nur mit einem Höchstmaß an Selbstdisziplin tun kann, wenn man in Wahrheit wach und wütend ist.
»Schläfst du schon, mein Herz?« fragte er mit weinerlicher Stimme. Als er keine Antwort erhielt, zog er sich leise aus, schlich auf Zehenspitzen durchs Zimmer, um das Licht auszuschalten und legte sich ins Bett; erschrocken zwar, aber getröstet durch seine feste Überzeugung, daß sich jedes Problem nach einer vorbestimmten Frist ganz von allein in Wohlgefallen auflösen würde, schlief er bald darauf ein.
................................................................................................................................
aus:
Wolf Wolkenstein
»Adel des Herzens«
172 Seiten - Preis 10,95 €
ISBN 978-3-930730-37-7
WFB Verlagsgruppe Ltd., Bad Schwartau
![]()
................................................................................................................................


